„Meine Bus-Geschichte beginnt eigentlich ein bisschen traurig“, sagt Werner Maier, der in einer Bus-Familie aufgewachsen ist, ohne dort hineingeboren worden zu sein. „Ich kam 1940 in Stuttgart zur Welt und war zweieinhalb Jahre später eines jener Kinder, die von den Nazis zwangsweise aufs Land geschickt wurden. Da mein Vater im Krieg war und meine Mutter ihren Job bei Bosch nicht einfach aufgeben konnte, brachte sie mich zu meiner Tante nach Ichenhausen in Schwaben.“ Die Tante besaß einen Busbetrieb – und in dem wuchs Werner Maier auf. Seinen Vater lernte er erst kennen, als er schon zehn Jahre alt war.
Mit den Erfahrungen, die ein aufmerksamer Junge in den späten Vierziger- und frühen Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einem Bus-Familienunternehmen sammeln konnte, prädestinierte sich Werner Maier für eine Ausbildung bei Kässbohrer. Er begann sie 1955, dem „Jahr der Rekorde“, wie man heute bei Setra sagt. Der „Clubbus“ Setra S 6 kam auf den Markt, das erste Fahrzeug mit Einzelradaufhängung und Lenkradschaltung, flankiert vom neuen ST 110, der bis heute einen Weltrekord hält, weil er mehr tragen konnte als er selber wog. Seinen ersten großen Exportauftrag verzeichnete Kässbohrer 1955 ebenfalls: mit 200 Super-Hochdeckern der Modelle „Golden Eagle“ und „Silver Eagle“ für die Continental Trailways in den USA.
Stahlbauschlosser mit Lieblingsbus
Dass der Name „Setra“ auf das einstige Novum einer selbsttragenden Karosserie zurückgeht, muss man keinem Bus-Spezi erläutern. Und dass der Bus-Pionier der ersten Stunde, Karl Kässbohrer, ursprünglich Kutschen und Schlitten gebaut hat, wissen Setra-Fans ebenfalls. Sein „Wagner-Geschäft“ eröffnete der 29-jährige Karl Kässbohrer 1893 in der Ulmer Altstadt. 1911 sorgte er mit dem „Wiblinger Auto“ für seine erste Revolution: einen Linienomnibus, der einen Pendelverkehr zwischen Ulm und dem Vorort Wiblingen ermöglichte. Mit geschlossenem Fahrerhaus, Vier-Zylinder-Motor und 18 Sitz- sowie zehn Stehplätzen für die Passagiere. Sieht man von den Wirren des Ersten und Zweiten Weltkriegs ab, war es bis zur Revolution des gesamten Omnibusbaus mittels selbsttragender Karosserie – beinahe – ein Katzensprung.
Der Setra S 8, der erste im Jahr 1951 von Kässbohrer gefertigte Bus mit eben dieser selbsttragenden Karosserie ist Werner Maiers Lieblingsbus. Stahlbauschlosser lernte er ab 1955 im Kässbohrer-Werk. An seine Lehre schloss er zwei Gesellenjahre an und ging dann auf eine Techniker-Schule im Allgäu. Den Busführerschein erwarb er außerdem. Mit 19 Jahren erhielt er eine Sondergenehmigung des Landratsamtes Augsburg, um im Betrieb seiner Tante Linienbusse fahren zu dürfen. Im Reiseverkehr setzte ihn seine Tante ebenfalls ein – aber erst mit 21.
Nachdem Werner Maier die Techniker-Schule erfolgreich abgeschlossen hatte, bewarb er sich wieder bei Kässbohrer und wurde aufgrund seiner sehr guten Leistungen als „Sachbearbeiter in der Arbeitsvorbereitung im Busbau“ eingestellt. „Das war damals die Seele des Betriebes“, erinnert er sich. „Die Arbeitsvorbereitung verantwortete die gesamte Arbeitsorganisation, also die Gestaltung sämtlicher Arbeitsabläufe einschließlich der Arbeitsverteilung im Unternehmen.“ Dieses verfügte in den 1960er Jahren über mehr als 2.000 Mitarbeiter und „baute alles, was rollt“, wie Werner Maier sagt. Er erklomm die Karriereleiter, übernahm Projekte und Teams und war schließlich als Abteilungsleiter weltweit beschäftigt.
Weltweit im Einsatz
„Wo immer Kässbohrer etwas aufbaute, war ich in Sachen Werksplanung federführend mit von der Partie“, sagt Werner Maier. Das für ihn schönste Projekt betraf den Aufbau des Werkes in der Nähe von Bilbao, Spanien. Gern erinnert er sich auch an seine Arbeit in Dänemark und Österreich. Sogar in Ghana ist er gewesen. „Ich hatte einen Traumjob: Große Werke vom ersten Bleistiftstrich bis zur Realisierung zu planen, zu konzipieren und umzusetzen. Das hat mich erfüllt und mir viel Freude bereitet.“
Es war nicht leicht für ihn und die Kässbohrer-Mitarbeiterfamilie, die Unsicherheiten auszuhalten, die dem Zusammenschluss der Bussparte der Karl Kässbohrer Fahrzeugwerke GmbH und der Omnibus-Sparte der damaligen Daimler Benz AG im Februar 1995 vorausgingen. „Man hat immer gemerkt, dass Kässbohrer ein Familienbetrieb war, in dem die Zahlen auf dem Papier am Ende mehr den Mitarbeitern dienen sollten als der Gewinnmaximierung“, sagt Werner Maier. „Aber Zahlen sind Zahlen, sie sind wichtig, und die Zeiten ändern sich.“ Kässbohrer konnte die Insolvenz nicht verhindern. „Es gab zwei Interessenten für das Setra-Erbe: der eine war Volvo, der andere Mercedes – und wir hofften alle inständig darauf, dass sich Mercedes durchsetzt. Das waren echte Griffelspitzer, supergenau. Sie prüften alles bis auf die dritte Stelle nach dem Komma. Aber das brauchte es, wenn Kässbohrer eine Zukunft haben sollte, die sich irgendwann nicht nur in historischer Bedeutung erschöpft.“ Da sich mit Kässbohrer und Mercedes zwei Marktführer verheiraten wollten, hatten Politik und Kartellrecht beim Zusammenschluss ein Wörtchen mitzureden. Die Ulmer und Neu-Ulmer Bevölkerung demonstrierte deshalb sogar, um die Vereinigung zu unterstützen. Am 23. Februar 1995 standen schließlich alle Ampeln auf Grün für die Gründung der EvoBus GmbH, die 2023 zu Daimler Buses GmbH umfirmiert wurde.
Bewegen, begegnen, erfahren
Werner Maier, der sich selbst als „Setra-Urgestein“ bezeichnet, blieb dem Unternehmen treu – über den Ruhestand hinaus. Noch heute meint er „Setra“, wenn er das Wort „Bus“ benutzt. Er hat sogar seine Frau bei Setra kennengelernt. 56 Jahre sind die beiden verheiratet. „Im Bus werden Menschen bewegt“, sagt er gern und denkt dabei nicht nur an Beförderung, sondern an Begegnung. „Durch das Reiseerlebnis werden Busreisende immer zu einer kleinen Familie“, meint er. „Sie fahren nicht bloß nebeneinandersitzend irgendwohin, um jeder für sich irgendetwas anzusehen. Busreisende erfahren und erfahren sich. Das macht den Bus aus und auch den Fahrer, der die Verantwortung trägt. Bei Kässbohrer haben wir das von Grund auf gelebt.“
Im Ruhestand wurden die Oldtimer sein Steckenpferd. „Mehr oder weniger regulär Bus fahren und von zu Hause weg sein wollte ich nicht, aber die Oldtimer bewegen, das war toll! Der Bus – der Setra – gilt dabei für mich als ‚charmanter Vermittler von Geselligkeit‘, eben auch vor dem Hintergrund der Bewegung, Begegnung und Erfahrung.“ Weil er so oft nach Altötting gekommen ist, hat er den Pilgerbrief von Altötting erhalten. „In gewisser Weise habe ich damit einen direkten Draht nach oben“, freut er sich. Einen direkten Draht als charmanter Vermittler von Bewegung, Begegnung und Erfahrung, möchte man sagen.
Judith Böhnke