„Dieser Sturm traf die Felsenbühne und den Amselsee zielgenau“, sagt Schöbel, der auch drei Wochen nach dem Ereignis das Ausmaß des Schadens nicht beziffern kann. Bei einer Gewitterfallböe stürzen schlagartig kalte Luftmassen aus den Wolken und begründen eine als extrem gefährlich geltende Wettererscheinung. Die Abwinde kündigen sich kaum bis gar nicht an, bringen Windstille jedoch binnen Sekunden auf Orkanstärke. „Bäume stürzten auf die Bühne und in den Zuschauerraum, Wege wurden zerstört, ebenso technische Einrichtungen. Zum Glück wurde im Bereich der Felsenbühne niemand getroffen. Die Mitarbeiter, die gerade eine Vorstellung vorbereiteten und auch die ersten Besucher, die bereits im Zuschauerraum angekommen waren, konnten sich in
Sicherheit bringen.“ Auf dem Weg zum Festspielort wurden dennoch drei Menschen verletzt. Insgesamt forderte der Sturm in der Region 13 Verletzte. Ein 28-Jähriger starb. „Wir sind noch immer dabei, das Ausmaß der Schäden feststellen und die Gefährdungslage bewerten zu lassen“, so Schöbel. Experten u.a. der Forstverwaltung sind im Einsatz, denn die Felsenbühne Rathen ist das einzige Theater, das in der Kernzone eines Nationalparks liegt. Der Nationalpark Sächsische Schweiz ist dabei zugleich der einzige nicht-alpine Felsennationalpark Deutschlands. Das prägt auch die Felsenbühne Rathen. „Sie liegt auf der Rückseite der Bastei, des Wahrzeichens der Gegend“, bemerkt Schöbel. „Die Bühne geht über eine bespielbare Brücke in den Berg hinein. Die Natur trägt damit auf besondere Weise zu jeder Aufführung bei: Da erhebt sich der Mond hinter den Kulissen, und die Sterne wetteifern mit der Lichtanlage, die Vögel steuern ihre Chöre und Soli bei und manchmal läuft auch ein Marder über die Bühne oder ein Eichhörnchen schaut zu.“


Theater trifft lebendige Stille


Wenn Schöbel während der Proben für neue Stücke selbst im Zuschauerraum sitzt, bleibt er oft über die Pausen hinweg an seinem Platz und beobachtet die Stille, die in der Natur so lebendig ist. „Es berührt das Herz, wenn Vierbeiner über die Bühne schnüren. Nicht zuletzt gehören Tiere auch fest zu unserem Ensemble.“ Vor allem Pferde spielen tragende Rollen in einzelnen Stücken, etwa bei „Shatterhand“, „Die Spur der Hebamme“ oder „Der Freischütz“. Die Landesbühnen Sachsen besitzen eigene Pferde, engagieren bei Bedarf aber auch Tiere zusätzlich. „Manchmal sind zwölf Pferde gleichzeitig im Einsatz – das finde ich dann schon spektakulär.“ Die Felsenbühne Rathen ist eine eigene Sommerspielstätte der Landesbühnen Sachsen, die Schöbel verantwortet. Als Deutschlands zweitgrößtes Reisetheater zeigen die Landesbühnen Schauspiel, Musik-, Tanz-, Kinder- und Jugend- sowie Figurentheater. Neben den Spielstätten in Radebeul und Rathen sind sie in ganz Sachsen präsent. Zu den Gastspielorten gehören u.a. Moritzburg, Meißen, Neustadt, Hoyerswerda und Bautzen. Auch in und um Dresden treten sie auf.


Begonnen hat die Karriere des gebürtigen Dresdners an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo Manuel Schöbel Anfang der 1980er Jahre Theaterwissenschaft und Ästhetik studierte. Der Regisseur, Dramaturg und ausgezeichnete Autor zahlreicher, in verschiedene Sprachen übersetzter Theaterstücke und Hörspiele ist seit 2011 Intendant der Landesbühnen Sachsen.

 

Felsenbühne Rathen:
Wiege der Karl May Festspiele


Dass ein namenloses Unwetter der Felsenbühne Rathen die ganze Saison verhagelt, ausgerechnet in dem Jahr, das aufgrund des 90. Geburtstags der Felsenbühne als Festjahr geplant war, ließ Schöbel nicht kalt. Anlässlich des Festaktes Mitte Juni war eine kleine Freiluftausstellung entlang des Weges zur Felsenbühne eingeweiht worden. „Die Besucher können sich hier mit historischem Bildmaterial über Meilensteine in der Geschichte der Felsenbühne informieren“, verrät Schöbel. Die Landesbühnen Sachsen übernahmen 1954 den alleinigen Spielbetrieb der Stätte. Die ersten Karl May Festspiele gab es schon 1938, zwei Jahre nach Eröffnung. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterbrach den Spielbetrieb bis 1954.


Obwohl es bislang kein vergleichbares Naturereignis wie den „Downburst“ von 2026 gab, wurde die Felsenbühne Rathen schon von so einigen Unwettern und Hochwassern getroffen. Aufgrund der Schäden wurde das Theater zwischen 2019 und 2022 für 18,4 Millionen Euro saniert und modernisiert. „Es berührt mich sehr, dass jetzt so viele Menschen fragen, wie sie uns helfen können“, sagt Manuel Schöbel. „Es sind Menschen aus dem Kurort Rathen, unsere eigenen Mitarbeiter, Kollegen und Partner gleichermaßen, die sich solidarisch zeigen und ihre Liebe zur Felsenbühne zum Ausdruck bringen. Sehr dankbar sind wir all jenen Gastspielpartnern, die uns als Ausweichorte unterstützen, stellvertretend seien Pro Graupa e.V., die Richard-Wagner-Stätten Graupa, die Waldbühne in Bischofswerda sowie der Konzertplatz Weißer Hirsch und die Junge Garde im Großen Garten in Dresden genannt. Dennoch müssen wir leider auch Veranstaltungen absagen.“ Mit den Aufräumarbeiten soll Ende August begonnen werden. „Die Saison 2027 startet dann störungsfrei“, hofft Schöbel. Was im Festjahr ausfallen muss, wird nachgeholt bzw. fortgesetzt. „Die Saison 2026 sollte von einem besonderen Programm geprägt sein, das im Mai mit ‚Pippi Langstrumpf‘ begann“, sagt Schöbel. „Weitere Highlights waren die Premiere des Musicals ‚Der kleine Horrorladen‘ und die Operette ‚Im weißen Rössl‘. ‚Der Freischütz‘ feierte sein 70-jähriges Bühnenjubiläum und Künstler wie Tom Pauls und Das Zwingertrio oder das Reinhard-Lakomy-Ensemble hatten Gastspiele geplant.“ Die Saison 2027 verspricht, für manches zu entschädigen. Zwei anstehende Premieren hält Manuel Schöbel noch geheim. Der „Tag nach Morgen“ – der „Day after Tomorrow“ – wird auf der Felsenbühne Rathen also in jedem Fall ein guter sein.

 

Judith Böhnke