Volz Reisen blickt auf 98 Jahre Unternehmensgeschichte zurück. Mit dem Betrieb von Dr. Gisela Volz scheide dabei nicht irgendein Verkehrsunternehmen aus dem Markt aus, so WBO-Präsident Franz Schweizer anlässlich der Finissage am Sitz von Volz Reisen in Calw-Hirsau. “Wir verlieren ein erfolgreiches, mittelständisches Familienunternehmen, das über Generationen Verantwortung für Mobilität übernommen und den öffentlichen Verkehr in seiner Region maßgeblich geprägt hat. Das sollte uns verkehrspolitisch nachdenklich stimmen.“
Ausschlaggebend für die Entscheidung zur Betriebseinstellung seien die grundlegenden Veränderungen der Rahmenbedingungen. Mit der Inbetriebnahme der Hermann-Hesse-Bahn entfalle die bisherige wirtschaftliche Grundlage wesentlicher Linienverkehre. Gleichzeitig habe sich der öffentliche Nahverkehr in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt: Verkehrsangebote würden heute weitgehend von den Aufgabenträgern geplant, in Leistungsbeschreibungen vorgegeben und im Vergabeverfahren vergeben. Für mittelständische Familienunternehmen blieben damit immer weniger Möglichkeiten, Verkehre aus eigener unternehmerischer Verantwortung heraus zu entwickeln und langfristig zu gestalten. Der WBO sehe darin eine Entwicklung, die weit über den Einzelfall hinausweise. „Der öffentliche Nahverkehr braucht Wettbewerb”, so WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg. “Er braucht aber ebenso Unternehmertum. Beides gehört zusammen. Mittelständische Busunternehmen waren und sind Innovationstreiber, Investoren und verlässliche Partner der öffentlichen Hand. Wo unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten verloren gehen, verliert der ÖPNV einen Teil seiner Stärke. Die Mobilitätswende wird nur gelingen, wenn Politik und Aufgabenträger den unternehmerischen Mittelstand nicht lediglich als Auftragnehmer verstehen, sondern als eigenständigen Partner – auf Augenhöhe – begreifen.“
Mit der Einstellung des Betriebs von Volz Reisen ende auch das unternehmerische Wirken einer Persönlichkeit, die das private Omnibusgewerbe in Baden-Württemberg über Jahrzehnte entscheidend mitprägte. Gisela Volz habe das Unternehmen nicht nur erfolgreich geführt, sondern sich weit über den eigenen Betrieb hinaus für die Belange der privaten Omnibusunternehmen engagiert. Die promovierte Historikerin habe wissenschaftliche Analyse, unternehmerische Erfahrung und verkehrspolitische Klarheit in die Verbandsarbeit eingebracht. Über Jahrzehnte wirkte sie als Vorstandsmitglied, stellvertretende Vorsitzende und Vorsitzende des WBO in Baden-Württemberg. Darüber hinaus war sie über viele Jahre Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmen e.V. (bdo) und dessen Vizepräsidentin. Seit 1996 ist Dr. Volz zudem Geschäftsführerin der Verkehrsgesellschaft Bäderkreis Calw mbH (VGC). Ihre Expertise wolle Volz auch künftig im Rahmen dieser Tätigkeit der Branche zur Verfügung stellen. Sie habe laut WBO-Präsident Franz Schweizer das Omnibusgewerbe nicht nur vertreten, sondern wesentlich mitgeprägt. Dafür schulde ihr die gesamte Branche großen Dank und höchsten Respekt.
Der WBO nimmt die Betriebsaufgabe von Volz Reisen zum Anlass, für eine stärkere Ausrichtung der verkehrspolitischen Rahmenbedingungen auf langfristige unternehmerische Perspektiven zu werben. Dazu gehörten verlässliche Investitionsbedingungen, eine größere Offenheit für unternehmerische Lösungen bei der Verkehrsplanung sowie Vergabemodelle, die mittelständischen Unternehmen auch künftig Entwicklungsmöglichkeiten eröffneten. „Wenn Unternehmen wie Volz Reisen keine Zukunftsperspektive mehr sehen, müssen sich Politik und Aufgabenträger die Frage gefallen lassen, wie viel unternehmerische Vielfalt sie künftig noch erhalten wollen”, appelliert Hüneburg. “Der Mittelstand hat den öffentlichen Nahverkehr über Jahrzehnte aufgebaut und geprägt. Er muss mit seiner Kompetenz in Sachen Wirtschaftlichkeit und Effizienz auch künftig eine tragende Säule des Systems bleiben, damit den Nutzerinnen und Nutzern auch künftig ein stabiles, verlässliches und bezahlbares ÖPNV-Angebot zur Verfügung steht – insbesondere im ländlichen Raum.” Das verantworteten das Land und die ÖPNV-Aufgabenträger wesentlich mit.