Der Tourismus in Europa konzentriert sich stark auf bestimmte Reiseziele und Saisonzeiten. Nach Angaben von EU-Tourismuskommissar Apostolos Tzitzikostas entfällt die Hälfte aller touristischen Übernachtungen auf lediglich 13 Prozent der europäischen Regionen. Besonders während der sommerlichen Hochsaison stehen beliebte Destinationen dadurch vor großen Herausforderungen. Mit ihrer am 04. November vorgestellten Tourismusstrategie will die Europäische Kommission dieser Entwicklung entgegenwirken.

Dabei soll nicht allein die Zahl der Gäste im Mittelpunkt stehen, sondern auch der wirtschaftliche Nutzen für die Regionen und die Lebensqualität der Bevölkerung. Die Kommission reagiert damit auch auf die zunehmende Kritik am Massentourismus in einigen europäischen Reisezielen. Tourismus müsse den Menschen vor Ort ebenso zugutekommen wie den Unternehmen, betonte Tzitzikostas in Brüssel.

 

Weniger besuchte Regionen stärken

Innerhalb der kommenden sechs Monate will die EU-Kommission Empfehlungen für eine ausgewogenere touristische Entwicklung vorlegen. Ein wesentliches Ziel ist es, Besucherströme stärker über das gesamte Jahr und auf unterschiedliche Reiseziele zu verteilen. Davon sollen insbesondere Regionen profitieren, die bislang weniger im Fokus des internationalen Tourismus stehen.

Die Strategie sieht unter anderem vor, die touristische Entwicklung weniger bekannter Reiseziele zu fördern und Reisen außerhalb der Hauptsaison zu unterstützen. Konkrete Maßnahmen speziell für Bus- und Gruppenreiseveranstalter werden in diesem Zusammenhang nicht genannt.

Da die Zuständigkeit für den Tourismus überwiegend bei den Mitgliedstaaten liegt, hat die europäische Strategie keinen verbindlichen Charakter. Vielmehr soll sie die Zusammenarbeit zwischen den Ländern verbessern und gemeinsame Herausforderungen aufgreifen.

 

Infrastruktur und Fachkräfte im Fokus

Neben einer ausgewogeneren Verteilung der Besucherströme sieht die Strategie weitere Maßnahmen zur Stärkung des europäischen Tourismus vor. Dazu gehören Verbesserungen der Infrastruktur, ein intensiverer Datenaustausch und eine engere Zusammenarbeit bei der Bewältigung von Krisen. Auch die internationale Vermarktung Europas als Reiseziel soll gestärkt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Fachkräftemangel. Nach Angaben der EU-Kommission fehlen der europäischen Tourismusbranche schätzungsweise eine Million Arbeitskräfte. Eine geplante europäische Tourismusakademie soll künftig die Aus- und Weiterbildung unterstützen und dazu beitragen, den Personalbedarf der Branche besser zu decken.

Auch steuerliche Rahmenbedingungen sollen überprüft werden. Noch vor Ende 2026 will die EU-Kommission einen Vorschlag zur Modernisierung der Mehrwertsteuervorschriften für die Reise- und Tourismusbranche vorlegen. Dabei geht es unter anderem um Vereinfachungen für Reiseveranstalter und Personenverkehrsunternehmen sowie um einheitlichere Wettbewerbsbedingungen.

Darüber hinaus will die Kommission den Umgang mit besonders hohen Besucherzahlen im Kreuzfahrttourismus thematisieren. Vor allem in Hafenstädten und Küstenregionen können gleichzeitig ankommende Passagiere die örtliche Infrastruktur und die Bevölkerung erheblich belasten. Hierzu ist ein Austausch mit den beteiligten Akteuren vorgesehen.

 

Tourismus als wichtiger Wirtschaftsfaktor

Die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors ist erheblich: Nach Angaben von Tzitzikostas beschäftigt die europäische Tourismusbranche mehr als 20 Millionen Menschen. Rund fünf Millionen Unternehmen sind in diesem Bereich tätig, davon 99 Prozent kleine und mittlere Betriebe. Auf die EU entfallen zudem rund 40 Prozent der weltweiten internationalen Touristenankünfte.

Gleichzeitig steht die Branche unter Druck. Neben dem Fachkräftemangel zählen der Klimawandel, zunehmender internationaler Wettbewerb und geopolitische Krisen zu den Herausforderungen. Insbesondere die Kriege in der Ukraine und im Iran wirken sich unter anderem auf das Sicherheitsgefühl von Reisenden und die Reisekosten aus.

Bis zum Ende des laufenden EU-Finanzrahmens 2021 bis 2027 dürfte die Tourismusbranche nach Angaben der Kommission insgesamt rund 18 Milliarden Euro an Unterstützung aus verschiedenen EU-Programmen erhalten haben.