Ihr neues Unternehmen versteht sich als Anlaufstelle für Verkehrsunternehmen, öffentliche Verkehrsbetriebe und private Betreiber, die autonome Fahrzeuge einsetzen möchten, ohne dafür einen eigenen Betrieb aufbauen zu müssen. Zum Start wurde direkt eine Finanzierungsrunde abgeschlossen, die von der Autobus Oberbayern GmbH und der Geldhauser Gruppe unterstützt wird. Die Beteiligung der beiden Busunternehmen unterstreicht nach Meinung von Bruno Ginnuth und Jan Hofmann die strategische Logik hinter Clever Solutions Autonomous: Wer über jahrzehntelange Erfahrung im Personenverkehr verfüge, wisse, dass nicht das Fahrzeug, sondern der Betrieb über Erfolg oder Misserfolg entscheide. „Der größte Teil der Wertschöpfung im Bereich der autonomen Mobilität findet weder im Werk noch im Labor statt, sondern im Tagesgeschäft, in der Leitstelle und in der täglichen Verantwortung für die Flotte“, sagt Bruno Ginnuth, der gemeinsam mit Jan Hofmann Clever Solutions Autonomous ebenso gegründet hat wie Clever Solutions und einst Clever Shuttle. Die 42-Jährigen sind Geschäftspartner und kennen sich schon aus der Schule. Mit 16 sind sie einander am Gymnasium begegnet, haben zusammen in Berlin Betriebswirtschaft studiert und als Weggefährten Nägel mit Köpfen gemacht. „Nach der Uni ist Jan zur Deutschen Bahn in den Bereich Konzernstrategie gegangen, ich habe Station bei Sony und Coca-Cola gemacht“, erzählt Ginnuth. „Wir haben beide weiter in Berlin gelebt, auch wenn Jan immer nach Frankfurt/Main pendelte. Kam er dann spät abends zurück nach Berlin, waren oft die Taxis weg – oder fuhren alle mit je einem Fahrgast in dieselbe Richtung davon. Das war im Grunde die Geburtsstunde unserer Idee für ein mobiles Start-up: Passagiere mit ähnlichen Fahrtzielen mithilfe eines Pooling-Algorithmus zusammenzufassen, sodass sich mehrere ein Fahrzeug teilen, insgesamt weniger Verkehr herrscht und sich auch noch Kosten sparen lassen.“


Clever Shuttle: Erstes Ridepooling in Deutschland


Ginnuths und Hofmanns Idee nahm bald Gestalt an, inspiriert auch durch die politische Forderung nach einem vollelektrischen Verkehr, die ab 2013 verstärkt kommuniziert wurde. 2014 gründeten die beiden mit Clever Shuttle den ersten großen Ridepooling-Anbieter in Deutschland. In neun Großstädten nahmen sie den Betrieb auf, hatten rund 500 e-Fahrzeuge und über 1.500 festangestellte Fahrer im Einsatz. „Darunter befanden sich auch einige Taxifahrer, für Clever Shuttle musste aber niemand Stadtpläne auswendig lernen“, sagt Ginnuth. „Ein ‚kleiner‘ Personenbeförderungsschein genügte.“ Finanziert wurde Clever Shuttle von einer ganzen Reihe Gesellschafter, darunter Evo Bus, der japanische Großkonzern Mitsui und zahlreiche Business Angel. Hauptgesellschafter war die Deutsche Bahn. Die kaufte 2018 alle anderen Gesellschafter aus Clever Shuttle raus, mit Ausnahme der Gründer. Zwei Jahre später kam die Corona-Pandemie und machte platt, was bis dahin aufgebaut worden war. „In den Corona-Spitzenzeiten brach die Mobilität um 80 bis 90 Prozent zusammen, weil Fahrgäste entweder nicht mehr gemeinsam oder überhaupt nicht mehr fahren durften“, erinnert sich Bruno Ginnuth. „Wir mussten das Geschäftsmodell dann komplett umstellen, sodass wir nicht mehr eigenwirtschaftlich fuhren, sondern uns an Ausschreibungen für On-Demand-Verkehre im Auftrag der öffentlichen Hand beteiligten.“

 

Ein Eklat stellt Weichen neu

 

Zwischen Januar 2021 und Juni 2023 gewannen Bruno Ginnuth und Jan Hofmann mit Clever Shuttle 22 On-Demand-Projekte in ganz Deutschland. Dann wurde 2023 zum Schicksalsjahr. „Wir überwarfen uns mit der Deutschen Bahn, die in unser vergleichsweise kleines Unternehmen ihre Konzernrichtlinien implementieren wollte“, erzählt Ginnuth. „Das hätte uns zu einem Maß an organisatorischer Veränderung und Bürokratie verpflichtet, das nicht einmal der Gesetzgeber von uns verlangt.


Clever Shuttle hätte das nicht verkraftet. Weil wir nicht mitmachten, kam es zum Bruch.“ Durch den Streit ist die Gesellschaft zerbrochen, und ohne die Finanzierung durch die Bahn konnte Clever Shuttle nur noch Insolvenz anmelden. Fast 1.000 Fahrer mussten sich einen neuen Arbeitgeber suchen. Das Unternehmen befindet sich seitdem in der Liquidation. Für Bruno Ginnuth und Jan Hofmann war das jedoch kein Grund aufzugeben. „Wir gründeten im Februar 2024 Clever Solutions und nannten es mit Absicht so, dass jeder auf den ersten Blick erkennt, dass das Clever Shuttle 2.0 ist. Das Geschäftsmodell hatte ja hervorragend funktioniert.“ Seit zweieinhalb Jahren ist das Unternehmen am Markt und hat bereits fünf Ausschreibungen gewonnen. „Wir betreiben On-Demand-Verkehre in Franken, im Raum Ingolstadt und NRW und sind im Gegensatz zu früher aus dem Stand profitabel“, verrät Ginnuth. Der fahrerbasierte On-Demand-Verkehr bleibt das Kerngeschäft von Clever Solutions. Je nach Bedarf können Auftraggeber wählen, ob sie nur einzelne Leistungen abrufen oder das Full-Service-Angebot in Anspruch nehmen. Dieses integriert neben der Betriebsorganisation eines On-Demand-Verkehrs unter anderem auch die Rekrutierung und Qualifizierung des Fahrpersonals sowie das Fahrzeugmanagement von der Anschaffung bis zur Schadensregulierung. „Mit dem Spin-off Clever Solutions Autonomous bereiten wir uns darauf vor, auch autonome Flotten zu betreiben“, so Bruno Ginnuth. Gemeinsam mit Jan Hofmann beobachtet er den Markt seit Jahren, sieht die Fortschritte, die die Technologie macht und geht davon aus, dass es vielleicht noch zwei, drei Jahre dauert, bis die ersten wirklich autonomen Fahrzeuge auf die deutschen Straßen kommen, Fahrzeuge, die explizit ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sein dürfen. „Wir sehen Clever Solutions Autonomous insoweit ebenso wie Clever Solutions als Partner des Busmittelstands. Ein autonomer On-Demand-Verkehr weist dabei viele Parallelen zum fahrerbasierten Verkehr auf, es gibt aber auch bedeutsame Unterschiede, beispielsweise im Rahmen der technischen Aufsicht.“ Den Aufwand dafür können viele mittelständische Betriebe weder leisten noch finanzieren, weiß Ginnuth. „Es handelt sich bei technischer Aufsicht – um bei diesem Beispiel zu bleiben – aber um etwas, das zentralisiert werden kann. Der Mittelständler, der fahrerlose On-Demand-Verkehre anbieten möchte, könnte ‚neuralgische Punkte‘ im autonomen Betrieb Clever Solutions Autonomous überlassen.“ Genau hier gelte es für Clever Solutions Autonomous, Produkte zu entwickeln, die für Busunternehmer attraktiv seien. Auch wenn sich diese Produkte noch in der Entwicklung befinden – der Spin-off von Clever Solutions Autonomous zeigt, dass sie sich in der Pipeline befinden. „Wir gehen davon aus, dass die ersten Mapping-Fahrten von großen Anbietern noch in diesem Jahr stattfinden“, meint Ginnuth. „Ab 2028 werden die ersten Städte und suburbanen Räume erschlossen sein, ab 2030 die ersten ländlichen Gebiete.“ Bis dahin gebe es noch viel vorzubereiten. „Wir sind sehr froh und auch sehr dankbar dafür, dass wir mit Autobus Oberbayern und Geldhauser speziell Busunternehmen an unserer Seite haben, die den Entwicklungsprozess unserer autonomen Produkte begleiten“, betont Ginnuth. Betriebliche Expertise und einen offenen Geist gibt es eben nicht von der Stange, darüber sind sich alle Gesellschafter einig.

 

Judith Böhnke