Vor 18 Jahren holte Schmidt den Friedrichstadt-Palast aus den mannigfaltigen Verlusten einer multiplen Krise – und er surft ihn seitdem mit Besucher- und Umsatzrekorden auf ziemlich perfekten Wellen. 2024 erzielte der Palast einen Ticketumsatz in Höhe von 33,6 Millionen Euro. Auch die aktuelle Show „Blinded by Delight“ bricht bereits Besucherrekorde und begeistert Kritiker wie Feuilleton.
Begonnen hat das mit einem Anruf des ehemaligen SPD-Kulturstaatssekretärs André Schmitz. „Das war am 2. Oktober 2007“, erinnert sich Berndt Schmidt. „Schmitz fragt mich, ob ich den Palast als Intendant übernehmen wollte. Ich sagte beinahe sofort Ja. Später meinte André Schmitz, es seien die kürzesten Vertragsverhandlungen aller Zeiten gewesen. Am 1. November war ich schon vor Ort.“

 

Vom Wegträumen und Ankommen


Berndt Schmidt hatte es damit von der kleinsten Theaterbühne der Welt auf die größte Theaterbühne der Welt geschafft. „Als Kind habe ich Puppentheater für meinen kleinen Bruder gespielt“, erzählt der 62-Jährige, ganz Entertainer von Kindesbeinen an. „Man kann zwar nicht behaupten, dass ich ein ‚Klassenclown‘ gewesen wäre, aber ich habe es schon immer geliebt, Menschen zu unterhalten, sie zum Lachen zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie eine gute Zeit haben.“ Geboren und aufgewachsen in einem kleinen Dorf, gesegnet mit blühender Phantasie und einem Vater, der nicht mehr als eine Stunde Fernsehen pro Woche erlaubte, träumte und las sich Schmidt in seine eigenen Welten. Präferenzen entwickelte er keine. „Ich habe bis heute weder Lieblingsbücher, noch Lieblingsfilme, Lieblingsmusik oder Lieblings-Irgendwas“, gesteht er. „Die Welt ist viel zu groß und viel zu facettenreich, um sich festzulegen. Ich navigiere je nach Tagesform und Stimmung durch sämtliche Genres, Farben und Geschmäcker.“


Schmidt studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Augsburg, wurde wissenschaftlicher Assistent der Uni am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und promovierte 1993 zum Dr. rer. Pol., dem Doktor der Wirtschaftswissenschaften. Er leitete ein Tochterunternehmen der Bertelsmann AG in Frankfurt am Main, New York und London, arbeitete am Musiktheater Neuschwanstein in Füssen, danach bei Stage Entertainment, zuletzt als Regional-Geschäftsführer des Apollo- und des Palladium-Theaters in Stuttgart. Mit der Intendanz am Friedrichstadt-Palast Berlin begann die Zeit, die er als die glücklichste seines gesamten Berufslebens bezeichnet.


Mit Leidenschaft und Expertise


„Intendant des Palasts zu sein, ist sehr seriös, sehr erwachsen“, sagt Berndt Schmidt. „Das Schöne daran ist aber, dass man in seinem Inneren Dinge am Leben erhalten kann, die mit Spiel zu tun haben.“ Spiel in der Bedeutung von Play, nicht Game, auch wenn die Begriffe im Deutschen nicht unterschieden werden. „Jede neue Grand Show oder Young Show beginnt mit einer Ausgangs-idee – und dann lassen wir einfach unsere Phantasie spielen. Über die Jahre hat sich derart ‚spielend‘ ein Team entwickelt, an dem vor allem Oliver Hoppmann als Autor und Regisseur maßgeblichen Anteil hat. Hinzu kommen die Komponisten, Designer, Choreographen, die Darsteller, all die Menschen, die zum Gelingen einer Show nicht nur ihre Expertise, sondern auch ihre Leidenschaft beitragen müssen.“
Schmidt selbst investiert viel persönliches Engagement in seine Arbeit. „Ich liebe, was ich tue. Ich kann mir auch nach 18 Jahren kaum etwas Schöneres vorstellen, als ein so wundervolles Haus mit Leben zu erfüllen.“ Über 300 Mitarbeiter aus fast 40 Nationen zählt der Friedrichstadt-Palast, allein dem Ballett gehören 40 Tänzerinnen und 20 Tänzer an. Jede neue Produktion erfordert es, Menschen von neuem zusammenzuführen. Schmidt sucht dabei immer nach Ergänzung, nie nach Leuten, die sind wie er. Schon als Kind fühlte er sich mit denen, die in irgendeiner Weise „anders“ waren, wohler als mit denen, die ihn bestätigten. „Man muss nicht jeden mögen, aber Respekt zu haben, genügt ja schon – Respekt vor anderen Lebensentwürfen, Erfahrungen, Schicksalsschlägen, Gedanken, Gefühlen, Ideen.“


Das betont Schmidt auch in den Stücken, die er auf die Bühne bringt und in denen es immer um Familie, Freundschaft, die Sorge umeinander, den Sinn des Lebens und die Gründe für Entscheidungen geht, die das Leben prägen. Damit die Inszenierungen auch ohne deutsche oder englische Sprachkenntnisse verstanden werden können, wurden sie in den vergangenen Jahren hauptsächlich in Bildern und Musik erzählt. „Blinded by Delight“ besitzt wieder mehr Textpassagen, die auch auf Deutsch auf die Bühne gebracht werden. „Beim Publikum kommt das sehr gut an“, sagt Schmidt, „und trägt auch meiner Maxime Rechnung, mich in Bezug auf neue Produktionen nicht an der Vergangenheit zu orientieren. Ein ‚das haben wir schon immer so gemacht‘ ist das Saatkorn des künftigen Misserfolgs. Wandel ist immer gut, selbst dann, wenn er nicht perfekt ist.“


Gute Geschichten sind ein Eisberg


Die vielleicht größte Herausforderung bei der Konzeption von Grand Shows für den Friedrichstadt-Palast ist, ein Publikum anzusprechen, das altersmäßig so gar nicht auf einer Wellenlänge liegt. Zwischen 16 und 80 Jahren sind die Besucher des Palasts – und entsprechend verschieden. „Wenn man es genau betrachtet, erleben die Gäste mit der Geschichte, die auf der Bühne gezeigt wird, immer auch ihre eigene“, sagt Berndt Schmidt. „Deshalb halten wir unsere Erzählungen vergleichsweise allgemein. Hemingway nannte das ‚Eisberg-Theorie‘: Zehn Prozent einer Story sind sichtbar, 90 Prozent der Wirkung entsteht im Kopf des Betrachters, denn Tiefe gewinnt ein Werk durch die Resonanz, die es im Zuseher erzeugt. Damit ist jedes Stück in gewisser Weise ‚nur‘ eine Kulisse – eine Art Metapher für jene Story, die sich der einzelne Gast selbst erzählt, basierend auf seinen individuellen Lebenserfahrungen, Fragestellungen, Erkenntnissen, Hoffnungen. Jeder Gast bringt seine Lebensgeschichten mit in die Show. Der eine sieht sie vor dem Hintergrund der Geburt seines ersten Kindes, der andere vor dem Hintergrund eines Verlustes, einer Krebs-
diagnose oder eines Jobwechsels, wieder ein anderer inspiriert von seiner Idee zum Auswandern oder Heiraten. Bedürfnisse, Hoffnungen, sind universell, aber da jeder Mensch eine einzigartige Perspektive auf die Dinge hat, verfügt auch jeder über einen einzigartigen Begriff von zum Beispiel Hoffnung. Ich glaube, dass die Shows im Friedrichstadt-Palast beim Publikum so gut ankommen, weil uns die Sache mit der Eisberg-Theorie gelingt.“


Dass so viele Busunternehmer einen Besuch des Friedrichstadt-Palasts in ihren Berlin-Programmen haben, freut Berndt Schmidt mit Blick auf die Zukunft besonders. „Berlin hat viel zu bieten, und man kann auch andere Attraktionen wählen, wenn man in die Hauptstadt fährt – aber wir sind tatsächlich eines der beliebtesten Busreise-Ziele. Dafür möchte ich den Unternehmern sehr gern auch einmal Danke sagen.“


Was er als nächstes vorhat, mag Berndt Schmidt nicht verraten. „Ich habe immer Lust aufs Geschichtenerzählen und immer Lust auf den Friedrichstadt-Palast – aber ich liebe Überraschungen und ich liebe es, für Überraschung zu sorgen.“ Mehr verrät er über kommende Shows nicht, allenfalls lässt er durchblicken, dass er stets gute Geschichten erzählen wird. „Die Welt ist nicht schlecht, und der Mensch ist es auch nicht. Im Gegenteil. Es hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun, so zu denken, nur weil es – natürlich – auch einige üble Menschen gibt. Es basiert auf einer Haltung und einem Bewusstsein dafür, dass man immer aus guten Gründen hoffnungsvoll sein darf. Ganz egal, was gerade passiert.“

 

Judith Böhnke