Begonnen hat alles 1924 mit einem Kolonialwarenladen und einer Spedition zur Warenauslieferung – und zwar so erfolgreich, dass kaum zehn Jahre später schon 25 Laster zum Fuhrpark gehörten und in Frankfurt am Main eine Filiale eröffnet wurde. Der zweite Weltkrieg zerschlug den Erfolg dann komplett und zwang nach seinem Ende Unternehmensgründer Georg Wissmüller wie so viele Vertreter seiner Generation zum Neuanfang. Die Marktlücke, die sich auftat, ließ der Urgroßvater von Alexander und Martin nicht ungenutzt: Wenn andere ruhten, packte er Bänke auf die Ladefläche seiner Lkw und fuhr Unternehmungslustige zu allerlei Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. „Als wir vor zwei Jahren unser 100. Jubiläum feierten, kamen auch einige Gäste, die diese Fahrten in ihrer Jugend noch mitgemacht hatten“, erzählen die Brüder Wissmüller. „Das war schon beeindruckend, zumal die Reisegäste der ersten Stunde berichteten, dass ‚Ausflüge in die Umgebung‘ durchaus Strecken bis Frankfurt umfassten, also locker über eine Stunde Fahrzeit bedeuteten – auf Bänken auf einer Lkw-Ladefläche. Heute kaum vorstellbar.“
Der erste echte Bus – ein Magirus-Deutz – fand 1948 ins Unternehmen. Georg Wissmüller wurde Subunternehmer der Post und der Deutschen Bahn, erhielt 1954 die erste eigene Linienkonzession und stellte 1962 den Speditionsbetrieb ein, um sich auf Reisen und Personenbeförderung zu spezialisieren. Nach seinem Tod im Jahr 1970 übernahm Ehefrau Frieda die Geschäfte, das erste
Jahresreiseprogramm fiel unter ihre Regie.
Gemeinsam steht man besser als allein
Zehn Jahre später übergab sie das Unternehmen ihrem Sohn Reinhard und dessen Frau Eleonore, die das Geschäft 1986 ihrerseits ihrem Sohn Karl Reinhard vermachten, unmittelbar im Anschluss an seinen Studienabschluss in Betriebswirtschaft und Logistik. Ehefrau Christa unterstützt ihn seit 1989. Die Söhne Alexander und Martin sind ins Unternehmen ebenso hineingeboren wie hineingewachsen. Der mittlerweile 34-jährige Alexander hat einen Bachelor of Arts (B.A.) in Verkehrsbetriebswirtschaft und Personenverkehr und ist seit 2016 ins Unternehmen eingebunden. Der 31-jährige Martin verfügt über einen B.A. in Betriebswirtschaft und Unternehmensführung und ist seit 2017 im Team. Alexanders Ehefrau Kamilla ist – fast traditionsgemäß – seit zehn Jahren ebenfalls mit von der Partie. Das Hauptgeschäft teilen sich Alexander und Martin mit ihrem Vater Karl Reinhard Wissmüller, maßgeblich in drei Firmen „unter dem Wissmüller-Dach“. Neben dem Reisebüro Wissmüller gibt es hier
federführend die Verkehrsgesellschaft Gersprenztal mbH (VGG), einen Zusammenschluss von Wissmüller in Michelstadt und Sauter Omnibusreisen Neckartal-Odenwald aus Beerfelden. Außerdem ist die BVÜ Busverkehr Überwald GmbH, ein reiner Linienbetrieb, von Bedeutung.
Die Weisheit, dass man gemeinsam viel besser aufgestellt ist als der Einzelkämpfer, gab auch den Anstoß zur Gründung der Odenwälder Verkehrsbetriebe GmbH im Jahr 2002. „Der Zusammenschluss wurde als sogenanntes Mittelstandskartell genehmigt“, erinnert sich Alexander Wissmüller. „Ziel war und ist, sich im europaweiten Wettbewerb um Linienkonzessionen besser behaupten zu können. Insgesamt gehören dem Zusammenschluss acht Busunternehmen aus dem Odenwald an, jeder Betrieb ist dabei abhängig von seiner Größe zu einem bestimmten Prozentsatz Gesellschafter.“ Den Wissmüllers und ihren Kollegen geht es nicht darum, im Preiskampf immer billiger zu werden. „Tatsache ist aber, dass – noch – einzig und allein der Preis darüber entscheidet, wer den Zuschlag bekommt, wenn Linienbündel ausgeschrieben werden. Wir wissen zu schätzen, dass sich die Aufgabenträger darum bemühen, eine Qualitätswertung in den Ausschreibungen zu etablieren, auch wenn oft intransparent bleibt, was als Mehrqualität Anerkennung findet. Trotzdem freuen wir uns über die Entwicklung, die hier stattfindet, denn die ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erhalt der privaten Busunternehmen und des Qualitätsanspruchs des deutschen Mittelstandes. Letztlich gilt es, auch das zu bewahren – und dafür brauchen wir einander, dafür brauchen wir Kollegen, die zusammenhalten.“
Es wundert wenig, dass die Wiss-müller-Brüder auch in Sachen politisches Engagement angefangen haben, die Fühler auszustrecken: Seit im vergangenen Jahr LHO-Future gestartet ist, ein Projekt des Landesverbandes Hessischer Omnibusunternehmer, das sich speziell an Jungunternehmer in der Branche richtet, sind Alexander und Martin Wissmüller dabei. „Wir sehen bei unserem Vater, der ja LHO-Vorsitzender ist, wie wichtig es ist, sich zu vernetzen und auszutauschen. Jeder steht vor ähnlichen Herausforderungen und entwickelt ganz eigene, kreative Lösungen – manchmal allein, manchmal mit anderen gemeinsam. Davon profitieren letztlich alle.“
Elektrobus statt „Cobra 11“
Mit Blick in die Zukunft haben sich Alexander und Martin Wissmüller vorrangig dem Erhalt des Bestehenden verschrieben. „Gerade unser Vater ist so umtriebig, dass wir zunächst erst einmal bewahren möchten, was er aufgebaut und auf den Weg gebracht hat. Unser Motto insoweit ist: Aus Tradition in die Zukunft.“ Dennoch gibt es Dinge, auf die die Wissmüller-Brüder ein sehr ernsthaftes Auge werfen. So haben sie im vergangenen Jahr insgesamt 23 Ladepunkte auf ihrem Betriebshof in Michelstadt installiert. „Ein Wahnsinnsprojekt“, wie sie selber sagen. „Wir bereiten uns damit auf die nächste Ausschreibung im Jahr 2029 vor, in deren Rahmen wir unsere Linienbündel verteidigen müssen. Elektromobilität könnte da durchaus eine Rolle spielen.“ Die Ladepunkte haben sie mithilfe von Fördermitteln und in Zusammenarbeit mit SBRS, einer Tochtergesellschaft der Shell Deutschland GmbH, die sich auf die Planung, Umsetzung und den Betrieb von Ladeinfrastruktur-Lösungen u.a. für E-Busse spezialisiert hat, realisieren können. Ein dreiviertel Jahr verging vom ersten Planungstreffen bis zur Inbetriebnahme. „Nun geht es darum, Fördermittel für die Anschaffung eines Elektrobusses zu bekommen, auch, damit wir überhaupt erst einmal Erfahrungen damit sammeln können.“
Der Fuhrpark der Wissmüllers umfasst insgesamt 160 Busse, 70 in Michelstadt, 70 bei der VGG und 20 bei der BVÜ. „Seit unser Urgroßvater einstmals verfügte, dass nur Mercedes gefahren werde, ist unser Fuhrpark sehr vom Stern geprägt“, verraten die Brüder. Zwei ganz besondere Schätzchen sind auch darunter: ein Büssing Präfekt 11 aus dem Jahr 1966 und ein Mercedes Benz Schnauzer. „Den Büssing haben wir in Eigenarbeit restauriert, das war Anfang der 2000er Jahre. Er war ziemlich mitgenommen, fuhr einst in Braunschweig und war als Partybus im Dienst. Zuletzt sollte er für eine Fernsehserie in die Luft gesprengt werden, man munkelt, dass es ‚Alarm für Cobra 11‘ gewesen sein soll, genau wissen wir es aber nicht.“ Den „Schnauzer“ haben die Wissmüllers durch Zufall im Internet auf der Webseite eines Restaurierers entdeckt. „Ich hatte nach einem Kleinbus gesucht und war irgendwo auf einen Menüpunkt ‚Busse in Restauration‘ gestoßen“, erzählt Alexander Wissmüller. „Und nachdem die Wissmüllers sämtlicher Generationen erfolglos versucht hatten, so ein Fahrzeug nochmal zu beschaffen, stand es da plötzlich vor mir. Ich konnte gar nicht so schnell die Nummer ins Telefon tippen, wie ich da anrufen wollte. Wir haben den Bus vom Fleck weg gekauft. Im letzten Frühjahr war er fertig restauriert – seither steht er bei uns. Und im Archiv haben wir sogar noch ein Original Bestellformular eines Schnauzers, inklusive Zeichnungen und Details.“
Man darf gespannt sein, wie es bei Wissmüllers weitergeht – über beste Voraussetzungen verfügt die Familie in jedem Fall. Ihrer Maxime „Aus Tradition in die Zukunft“ treu zu bleiben, könnte sich als echtes Erfolgsrezept erweisen.
Judith Böhnke