Dabei war er ganz ursprünglich in eine völlig andere Richtung gestartet und hatte Anwalts- und Notargehilfe gelernt. „Mit der Musical-Branche oder dem Show-Business hatte ich bis dahin nichts zu tun gehabt“, erzählt der 51-Jährige. „Während meiner Ausbildung gingen wir aber anlässlich einer Weihnachtsfeier mit der gesamten Kanzlei ins Phantom der Oper – und mir eröffnete sich in gewisser Weise eine neue Welt.“ Es mag sein, dass Fügung oder Zufall eine Angelrute nach Stephan Tomiczek ausgeworfen hatten, denn er fand sich im Alter von 27 Jahren bei einem Dienstleister von Stage Entertainment wieder. „Ich wollte dort eigentlich nur drei Monate bleiben, um Erfahrungen zu sammeln. Meine damalige Chefin machte mich in dieser Zeit aber auf eine offene Stelle im Unternehmen aufmerksam, eine Stelle, die mit Musical zu tun hatte. Ich bewarb mich und betreute ein Jahr später das Musical ‚Buddy – Das Musical‘.“
Das Stück gilt zusammen mit „Cats" und dem „Phantom der Oper" bis heute als Grundstein für Hamburgs Entwicklung zur Musicalmetropole. Als die damalige Stage Holding beschloss, ihr eigenes
Servicecenter aufzubauen, wurde dem Dienstleister der Auftrag entzogen, für Stage tätig zu sein. „Normalerweise gelten in solchen Fällen Tätigkeitsbeschränkungen für Mitarbeiter, die Kenntnisse über strategisch wichtige Interna besitzen – diese Mitarbeiter dürfen innerhalb einer bestimmten Frist nicht für Wettbewerber arbeiten“, sagt Stephan Tomiczek. Erst Jahre später erfuhr er, dass er bei dem Stage-Dienstleister ein solcher Mitarbeiter gewesen war: Die Stage hatte ihn ohne sein Wissen aus dem Wettbewerbsverbot herausgekauft, um ihn direkt übernehmen zu können. „Hätte ich das gewusst, hätte ich höher verhandelt“, sagt er heute augenzwinkernd und mit einem Lachen.
Rausgekauft und eingestellt
Stephan Tomiczek wechselte vom Dienstleister zur Stage Holding, die ihren Sitz damals im Astra Hochhaus in der Bernhard-Nocht-Straße hatte. „Ich arbeitete in einem Büro im zehnten Stock, mit Ausblick auf den Hamburger Hafen“, erinnert er sich. „Es war fantastisch – ich habe von diesem Büro aus die Sonnenauf- und Sonneruntergänge gesehen, den Hafengeburtstag, die Hafenfeste, die Veranstaltungen von oben aus der ersten Reihe.“ Zwei Jahre später zog das Unternehmen in die Speicherstadt um, wo es seitdem lokalisiert ist. Stephan Tomiczek ist dort Senior Account Manager und Wiederverkäufer mit der Spezialisierung auf den B2B-Sektor. „In gewisser Weise gehe ich damit in den Fußspuren meines Vaters und meines Großvaters, die beide im Verkauf tätig waren: Mein Vater als Fleischfachverkäufer und mein Opa als Herrenausstatter. Er hat dem Sänger Karel Gott seine ersten Anzüge verkauft – die Anzüge, die er auf den Konzerten trug, mit denen er seine Deutschland-Karriere begann.“ Mit Unterstützung von Stephan Tomiczek ist bei Stage Entertainment das neue Ticketing-System implementiert worden. Seitdem buchen Endkunden über die eigene Stage Webseite. Für die Hotellerie, für Reisebüros und auch für die Vorverkaufsstellen wurden seit dem Start am 1. Januar 2026 jeweils eigene Webshops zur Verfügung gestellt. Seit Juni steht ein solcher auch für Busunternehmer und Gruppereiseveranstalter bereit. „Wir haben das Projekt in Zusammenarbeit mit Audience View realisiert, einem international operierenden Anbieter von Ticketing- und Event-Commerce-Lösungen mit Sitz in Kanada“, so Tomiczek. Das System verbindet Ticketverkauf, CRM, Datenmanagement und digitale Vertriebsprozesse in einer zentralen Lösung und wird weltweit von Theatern, Veranstaltern, Sportorganisationen und Kulturinstitutionen eingesetzt. „Meines Wissens sind wir mit dieser Kooperation Vorreiter in Deutschland. Niemand hat derzeit anzubieten, was Stage Entertainment seinen Wiederkäufern zur Verfügung stellen kann.“
Transparent und direkt mit nur einer Plattform
Den größten Vorteil des neuen Ticketing-Systems sieht Stephan Tomiczek in der Zeit- und Aufwandsersparnis, die sich für die Nutzer ergibt. „95 Prozent unserer Kunden haben sich innerhalb der ersten zwei Monate seit Aufschaltung des neuen Systems angemeldet“, freut er sich. „Ihr Feedback bestätigt uns darin, mit der neuen Plattform genau ins Schwarze getroffen zu haben. In der Vergangenheit mussten Ticketanfragen, Nachbestellungen, Stornierungen, Anpassungen etc. per Telefon oder E-Mail erledigt werden. Hunderttausende einzelne Vorgänge, die trotz aller Bemühungen oft mit stundenlangen Wartezeiten und Unsicherheiten verbunden waren.“ Wer als Wiederverkäufer Karten erwarb, wusste zudem nie, wo die Endkunden letztlich sitzen würden. „In Sachen Sitzplatzverteilung war es für Wiederverkäufer und Endkunden wie die Katze im Sack kaufen.“ Jetzt haben die Nutzer der Plattform direkt Einblick und Zugriff auf die verfügbaren Karten, können sofort buchen und Tickets auch ausdrucken. „Wir haben sämtliche manuellen Schritte optimiert, es sind keinerlei Telefonate oder E-Mails mehr erforderlich. Wenn nötig, können auf Knopfdruck auch einzelne Tickets nachbestellt werden. Spezielle Platzwünsche können die Wiederverkäufer ihren Kunden ebenfalls sofort erfüllen.“ Dafür wurden die beiden bisherigen Saalpläne für Wiederverkäufer und Endkunden fusioniert. Jeder kann alles sehen, Verfügbarkeiten im Detail abrufen. Wenn einzelne Endkunden nebeneinandersitzen möchten, ist das ebenso realisierbar wie wenn Gruppen „unter sich“ sein wollen. „Das bringt eine enorme Erleichterung mit sich. Vor allem aber macht es das Ticketing transparent, effizient und letztlich auch viel attraktiver für den Endkunden beim Wiederverkäufer.“
Von der Bühne zur Bühne
Stephan Tomiczek sieht sich als Partner der Wiederverkäufer. „Die Busunternehmer haben es mit so vielen Herausforderungen zu tun“, sagt Stephan Tomiczek. „Aufgrund des Feedbacks, das wir bislang bekommen haben, können wir durchaus behaupten, dass wir bei Stage Entertainment zumindest eine davon in Wohlgefallen aufgelöst haben.“ Wo die Reise als nächstes hingehen soll, weiß er auch schon. „Es gibt Unternehmer, die verkaufen komplette Vorstellungen oder buchen für ihre Kunden und Gruppen einen ganzen Rang oder ähnliches. Diese Funktion steht im Moment noch nicht zur Verfügung, wir arbeiten aber daran. Und es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die letzten technischen Feinheiten ausgefeilt sind.“ Privat hat Stephan Tomiczek etwas vor, das ihn handwerklich noch mehr mit Musik verbinden soll: „Irgendwann möchte ich lernen, Gitarre zu spielen“, gesteht er. „In meiner Familie väterlicherseits wurde einst viel musiziert, jeder beherrschte ein Instrument.“ Spätestens wenn er in Rente geht, will er daran anknüpfen. Immerhin singt er bereits seit zehn Jahren im Stage Mitarbeiter-Chor. Es ist also ziemlich sicher, dass er der Stage – der Bühne als solcher – immer treu bleiben wird.
Judith Böhnke