Die deutsche Reisewirtschaft steht vor erheblichen wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen. In seiner Grundsatzrede beim Hauptstadtkongress des Deutschen Reiseverbandes (DRV) forderte Verbandspräsident Albin Loidl bessere politische Rahmenbedingungen für die Branche. Zugleich appellierte er an die Unternehmen, den Wandel durch Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle selbst aktiv zu gestalten und in ihre Zukunftsfähigkeit zu investieren. „Die Reisewirtschaft braucht faire Spielregeln, wirtschaftlichen Spielraum und eine Politik, die Veränderung ermöglicht, statt sie auszubremsen“, erklärte Loidl. Entscheidend seien wettbewerbsfähige Standortbedingungen, weniger Bürokratie und verlässliche Regeln, die auch für kleine und mittelständische Unternehmen praktikabel seien.

 

Wintergeschäft unter Vorjahresniveau

Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage zeichnet sich für die Sommersaison 2026 nach DRV-Angaben ein Umsatzplus von vier Prozent bei zwei Prozent mehr Reisenden ab. Für das gesamte Touristikjahr erwartet der Verband ein Umsatzwachstum von drei Prozent.

Deutlich zurückhaltender fällt dagegen der Ausblick auf die kommende Wintersaison aus. Die bisherigen Buchungen liegen beim Umsatz um zwei Prozent und bei der Zahl der Reisenden um sechs Prozent unter dem Vorjahresniveau. Der Verband sieht darin auch eine Folge der gestiegenen Lebenshaltungskosten und der zunehmenden Preissensibilität der Verbraucher.

Loidl forderte deshalb politische Maßnahmen, die sowohl die Kaufkraft der Verbraucher als auch die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit der Unternehmen stärken. Dazu zählten eine bezahlbare Energieversorgung, eine funktionierende Infrastruktur und der Abbau bürokratischer Belastungen.

 

Kritik an Standortkosten und Regulierung

Handlungsbedarf sieht der DRV insbesondere bei den Kosten des Luftverkehrs. Die Senkung der Luftverkehrsteuer bewertet der Verband als ersten Schritt, fordert jedoch weiterhin deren vollständige Abschaffung sowie eine Reduzierung staatlicher Gebühren und Abgaben.

Auch bei regulatorischen Vorgaben mahnt Loidl mehr Augenmaß an. Gerade mittelständische Unternehmen könnten zusätzliche Anforderungen häufig nicht mit denselben personellen und finanziellen Ressourcen bewältigen wie große Konzerne.

Ein weiteres Thema ist die finanzielle Belastung durch den Deutschen Reisesicherungsfonds (DRSF). Die zum 01. November 2026 vorgesehene Senkung des Absicherungsentgelts auf 0,25 Prozent begrüßt der DRV. Mittelfristig strebt der Verband jedoch eine vollständige Abschaffung des Entgelts an. Die gesetzliche Absicherung von Pauschalreisenden soll dabei weiterhin gewährleistet bleiben.

In Sachen Reform der EU-Pauschalreiserichtlinie spricht sich der Verband dafür aus, die neuen europäischen Vorgaben ohne zusätzliche nationale Verschärfungen in deutsches Recht zu übertragen. Kritik übt Loidl zudem an der vorgesehenen Rückzahlung von Vermittlungsgebühren bei Flugannullierungen im Rahmen der Reform der EU-Fluggastrechte. „Regeln müssen fair sein und die tatsächlichen Verantwortlichkeiten abbilden. Wer Vermittlungsleistungen erbringt, darf nicht für Risiken haften, die er nicht steuern kann. Das schadet dem Reisevertrieb und den Travel Management Companies“, so Loidl.

 

Klimaschutz und Digitalisierung

Zur Zukunftsfähigkeit der Reisewirtschaft gehöre unabdingbar der Klimaschutz. Unternehmen arbeiteteten an Lösungen, um Emissionen zu reduzieren. Damit die Transformation gelinge, müssten jedoch die notwendigen Technologien und Energieträger verfügbar und wirtschaftlich einsetzbar sein. Insbesondere brauche es mehr nachhaltige Kraftstoffe für Luftverkehr und Kreuzfahrt sowie Planungssicherheit für Investitionen.

Gleichzeitig appellierte der DRV-Präsident an die Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Eine wichtige Rolle spiele dabei künstliche Intelligenz (KI). Gerade kleinere und mittlere Betriebe müssten die Möglichkeit erhalten, neue Technologien wirtschaftlich sinnvoll einzusetzen und im Wettbewerb zu bestehen.

 

Ausbildung soll modernisiert werden

Auch die Nachwuchssicherung bleibt ein Schwerpunkt des Verbandes. Der DRV setzt sich für eine Überarbeitung der inzwischen 15 Jahre alten Ausbildungsordnung für Tourismuskaufleute ein. Digitalisierung, KI und veränderte Kundenanforderungen hätten das Berufsbild erheblich verändert, während die Ausbildungsinhalte nicht mehr in allen Bereichen den heutigen Anforderungen entsprächen. Hinzu kommen rückläufige Ausbildungszahlen, die nach Einschätzung des Verbandes zunehmend den Bestand einzelner Fachklassen und damit die Ausbildungsinfrastruktur gefährden.

Loidl sieht deshalb sowohl die Politik als auch die Unternehmen in der Verantwortung. Während die Branche in Fachkräfte, neue Technologien und zukunftsfähige Geschäftsmodelle investieren müsse, seien auf politischer Ebene verlässliche und wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen erforderlich.