Ich habe es getan. Ganz allein, ohne fremde Hilfe. Ich habe mir eine Fernbusfahrkarte von Frankfurt am Main nach Berlin aus dem Internet herausgelassen. Es war ganz einfach. Einfacher als das Buchen einer Bahnfahrkarte. 22 Euro kostete die Busfahrkarte. Auf die Idee, mit dem Fernbus zu fahren, brachte mich ein guter Bekannter, der seine Jungfernfahrt im Fernbus gerade hinter sich hatte: „Supi. Alle 52 Plätze waren belegt. Zwei Fahrer an Bord. Beide mit Hemd und Krawatte, keine weißen Socken, keine Turnschuhe. Nur die Toilette war kaputt.“ Nun also ich.

Ich steige in Bensheim an der Bergstraße in den Regionalzug nach Frankfurt ein. Die Fahrkarte kostet 13,50 Euro. Ich komme, sicherheitshalber, eine Stunde vor der Abfahrt des Fernbusses nach Berlin in Frankfurt an. Würde ich die Haltestelle überhaupt finden? Auf der Fernbusfahrkarte ist auch eine kleine Skizze zu sehen, die die Abfahrtsstelle des Busses anzeigt. An der Stelle, wo Mein-Fernbus landen soll, entdecke ich einen Fahrplanaushang, den sich Flixbus und Bohr-Reisen teilen. Hier muss es sein. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt lerne ich Susanne aus Bad Soden kennen. Sie will zur Weiterbildung nach Berlin. Sie freut sich: „Dann sind wir ja schon zwei, die den Fernbus suchen.“ Ein paar Minuten später simst mein Handy. Ich denke, meine Frau hat bestimmt vergessen, den Rasierer einzupacken. Falsch gedacht. Die Handy-Botschaft lautet: „Wegen des hohen Verkehrsaufkommens zwischen Heidelberg und Frankfurt hat Ihr Bus 15 Minuten Verspätung“. Donnerwetter, so persönlich wurde ich noch nie über eine Verspätung informiert. Eine echte vertrauensbildende Maßnahme. Sie sagt mir: Es gibt den Bus und er kommt. Dann ist er da. Ein freundlicher Busfahrer steigt aus, zückt sein Smartphone, jeder sagt seinen Namen und steigt ein. Es ist freie Platzwahl. Nur die besten Plätze vorn hinter dem Fahrer sind belegt: mit Einkaufskisten, gefüllt mit Snacks vom Supermarkt um die Ecke. Erdnüsse, Sandwich: je ein Euro, der halbe Liter Mineralwasser 1,50 Euro – Preise, von denen Bahnfahrer nur träumen können. Das Einchecken nimmt Zeit in Anspruch. Alle 32 Mitreisenden haben im Internet gebucht. Einer will ohne Vorbuchung mitfahren, einfach einsteigen, wie man das von einem Linienbus auch erwarten kann. Geht auch. Doch dafür muss er nicht 22 Euro berappen, wie die Internetbucher, sondern 49,50 Euro. Dem Busfahrer tut es fast leid, ihm soviel Geld abknüpfen zu müssen. Kaum rollt der Bus durch den Frankfurter Stadtverkehr, da werfen die Studenten im Inneren bereits ihre Kabellassos aus und surfen. Das Durchschnittsalter im Bus liegt bei gefühlten 32 Jahren, wobei ich mit meinen 60-Plus das Niveau anhebe. Ich bin der Älteste. Na prima. In der Nähe von Bad Hersfeld verlässt der Busfahrer die Autobahn. Warum, wieso, weshalb weiß keiner. Der wird doch jetzt nicht seine Oma besuchen wollen, schießt es mir durch den Kopf. Weit gefehlt. In Bad Hersfeld ist eine Haltestelle. Vier Reisende steigen zu. Jetzt sind wir 36. Übrigens hätte der Fahrer hier auch halten müssen, wenn niemand zugestiegen wäre. Denn es handelt sich ja um einen Linienbus und da kann immer einer auch einsteigen wollen, der gerade vorbeischaut und sich vom Fahrplan inspirieren lässt. Über den Bordfunk kommt wenig. Ich denke, ein paar Informationen über Stationen und Ablauf der Fahrt wären schon ganz schön. Die Kabellassowerfer haben bestimmt noch nie was von einem Beckengurt gehört, den Mann anlegen muss. Also tun sie es auch nicht. Durch gezielte Fragestellung gelingt es den Gästen herauszufinden, wie man an die Snacks in den Kisten kommt: Den Busfahrer fragen! Die Toilette im Bus funktioniert und wird genutzt, nicht nur von den Älteren. Übrigens, das mit der Toilette ist ganz wichtig. „Im Winter zugefroren, im Sommer kaputt“, funktioniert hier nicht. Bei Fernbussen muss gelten: ganzjährig durchgehend geöffnet. Ich frage mich, wie wird das nur, wenn der Winter kommt und die Fernbusse nicht auf dem Betriebshof stehen, sondern draußen irgendwo. Gut beheizbare Toiletten müssen her. Darauf darf sich die Industrie schon mal einstellen. Mit 40 Minuten Verspätung, das schafft die Bahn auch, kommt der Fernbus auf dem Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin an. Hier stehen in trauter Runde mit Mein-Fernbus auch die anderen: Flixbus, Deinbus, City to City. Ich schwinge mich entspannt in die U-Bahn. Meine Rückfahrt mit dem ICE Sprinter, zwei Tage später, wird dann zwar nur 4 Stunden anstatt jetzt 7,5 Stunden dauern, aber eben auch 140 Euro kosten statt 22 Euro. Mein Resümee: Wann immer es geht, Fernbus!