Zur Person:
Hakan Enüstün (49) ist Geschäftsführer des Paketreiseveranstalters H&H in Karlsruhe. Er wurde am 14. März 1962 in Ankara in der Türkei geboren. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater Jurist, u.a. Oberster Staatsanwalt der Türkei. Hakan Enüstün legte sein Abitur in Istanbul ab. Im Jahre 1981 ging er nach Deutschland, um in Karlsruhe zu studieren.
1985 schloss er sein Studium als Diplom-Wirtschaftsingenieur, Fachrichtung Informatik, ab. Während seine Kommilitonen bei Aldi, OBI oder als Zeitungsausträger jobbten, hatte Hakan Enüstün beim studentischen Dazuverdienen den größeren Wurf im Blick. In Busunternehmer Heinold Hirsch fand er einen Partner, der seine Idee, Busreisen nach Istanbul zu verkaufen, schnell realisierte. Das war 1983. Die Zusammenarbeit florierte fortan so gut, dass beide 1986 die Firma H&H (Hakan & Hirsch) als Joint Venture gründeten. Als Türkeispezialist gestartet, entwickelte sich das Unternehmen, das später vollends an Hakan Enüstün überging, immer mehr zum Allrounder: Flugziele von Nah- bis Fernost wurden ins Programm genommen. 82 Mitarbeiter sind bei H&H beschäftigt. Der Jahresumsatz liegt bei 52 Millionen Euro. Er wird mit 110 000 Paxen erzielt, 90.000 Gäste davon verreisen mit einer Gruppe. Hakan Enüstün ist verheiratet. Mit seiner Frau Sofia hat er zwei Kinder: Defne (21) und Deniz- Alexander (18). Sein Hobby: Fenerbahce Istanbul, er besitzt eine Jahreskarte des Vereins.
Was war Ihr Traumberuf als Kind?
Geschäftsmann. Ich habe schon mit zehn Jahren Comics vor einer Moschee verkauft. Das hat mir riesigen Spaß gemacht.
Was haben Sie in der Schule für das Leben gelernt?
Probleme zu lösen. Die Wahrscheinlichkeit heraus zu finden, welcher Weg der beste ist. Das hilft mir heute. Probleme gibt es immer. Aus der Haut zu fahren hilft nicht, man muss cool bleiben.
Was war das größte schulische Drama für Sie?
In Physik hatte ich immer die Note 1. Dann kam ein neuer Lehrer, der gab mir für eine Klassenarbeit eine 3, obwohl alles richtig war. Ich stellte ihn zur Rede, wollte wissen, warum er mir nur eine 3 gegeben hat. Er meinte, die 3 habe ich, weil er glaube, ich hätte abgeschrieben. Das stimmte nicht. Da habe ich geantwortet, dann müssen sie mir keine 3, sondern eine 6 geben. Wir haben uns vor der ganzen Klasse gestritten. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Er hat die Note nicht geändert. Das hat mich tierisch geärgert.
Haben Sie als Schüler gemogelt?
Selten. Aber ich habe anderen viel geholfen. Die guten Schüler in unserer Klasse haben sich zu den schwächeren gesetzt und gezeigt, wie die Aufgaben zu lösen sind.
Ihr Lieblingsfach in der Schule?
Mathematik. Das war für mich wie Rätsel zu lösen, das hat mir immer Spaß gemacht.
Auf welche außerschulische Leistung sind Sie besonders stolz?
Ich habe zwölf Jahre lang in einer türkischen Folkloregruppe getanzt. Zweimal haben wir die Türkei bei Wettbewerben im Ausland vertreten, u.a. in Deutschland. Später habe ich Kinder als Tanzlehrer im Volkstanz unterrichtet.
Wer hat Sie am meisten gefördert?
Meine Frau, geschäftlich und persönlich. Wenn es Probleme gab, hat sie immer zu mir gehalten. Für meine Begriffe hat sie eine hohe emotionale Intelligenz, die mir leider fehlt. Sie kann persönliche Dinge zwischen Menschen, zwischen Mitarbeitern sehr gut einschätzen. Sie hat einen siebten Sinn dafür, zu erahnen, was die Menschen umtreibt. Ihr Rat ist fast immer richtig.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?
Dass sie abwechslungsreich ist... viele Länder, viele Firmen, viele Investition. Langeweile kommt nicht auf.
Was würden Sie als Ihren größten beruflichen Erfolg bezeichnen?
Dass ich mich als Paketreiseveranstalter auf dem Markt etabliert habe. Ich war und bin Türke. Bei der Türkei dachten doch damals in Deutschland viele nur an Kopftücher und Knoblauchtüten. Hinzu kam, dass ich immer jünger aussah als ich war. Ich war nach dem Studium 24, sah aber aus wie ein Bübchen mit 18 Lenzen. Wenn ich mit den Busunternehmern sprach, wollten die immer den Geschäftsführer von H&H sprechen. Doch der stand vor ihnen. Letztlich konnte ich die meisten überzeugen, bei uns zu buchen.
Ihr erstes Bewerbungsgespräch: Woran erinnern Sie sich noch?
An der Universität in Karlsruhe habe ich mich als Assistent bei einem Professor beworben. Gewundert hat mich, dass der Mann nur private Dinge gefragt hat, nach meiner Familie, meinem Vater, nichts Fachliches.
Wie halten Sie sich fit?
Überhaupt nicht. Für Sport und Wandern habe ich keine Zeit. Ab und an mal Basketball. Jetzt habe ich einmal aus Jux Fußball mitgespielt. Das Resultat: Achillessehnenriss.
Welche Dinge verbinden Sie mit dem Wort Omnibus?
Als wir mit der Folklore-Gruppe durch Europa getourt sind hatten wir viel Spaß in unserem Mercedes-Benz-Minibus.
Wo haben Sie Ihren letzten Urlaub verbracht?
In der Türkei auf der Prinzeninsel im Marmarameer, eine halbe Stunde mit dem Schiff vom Bosporus entfernt. Auf der Insel gibt es keine Autos, sondern nur Pferdekutschen. Dort hat unsere Familie ein Haus, das ich von meinen Eltern geerbt habe.
Welches sind die drei wichtigsten Gründe für Erfolg im Leben?
Glück, Fleiß und Verstand.
Was sind die drei wichtigsten Tugenden eines Vorgesetzten?
Vorbildliches Verhalten, positives Denken und Ehrlichkeit.
Wer ist für Sie ein persönliches Vorbild?
Atatürk. Nicht weil er den Krieg gegen die Griechen gewonnen hat, das hätte vielleicht auch ein anderer geschafft. Aber er hat Reformen im westlichen Sinne verwirklicht. Den Frauen Rechte gegeben, Religion und Staat getrennt, das Osmanische Reich geeint.
Wann bereitet Ihnen Ihre Berufstätigkeit Bauchschmerzen?
Wenn Unvorhersehbares geschieht: Vulkanausbrüche, Terroranschläge, Erdbeben, Wirtschaftskrisen.
Was macht Ihnen Angst?
Um mich habe ich keine Angst. Ich denke, ich komme schon irgendwie klar. Angst macht mir, dass meiner Familie, meinen Kindern etwas zustoßen könnte.
Welche Eigenschaften schätzen Sie an Ihren Mitarbeitern am meisten?
Selbstständiges Denken und Handeln.
Welche persönliche Freiheit vermissen Sie am meisten?
Ich vermisse nichts. Nur, dass ich im Moment meinen verletzten Fuß nicht bewegen kann, nervt mich.
Wem möchten Sie gerne mal die Meinung sagen?
Den Busunternehmern, jedenfalls den meisten. Sie sollen endlich mal akzeptieren, dass sie Touristiker sind und keine Omnibusverkäufer. Diese Verliebtheit in die Busse macht mich geradezu krank. Der Omnibus ist aber nur ein Mittel zum Zweck: Doch der Busunternehmer denkt zu 90 Prozent an die Technik seiner Busse und zu 10 Prozent an das touristische Geschäft. In der Türkei, wo die Busse oft angemietet werden, beträgt die Auslastung, bei den größten Reiseveranstaltern, 70 Prozent. In Deutschland sind es gerade mal 50 Prozent Nettoauslastung. Keine Fluggesellschaft, kein Hotel würde das überstehen. Natürlich gibt es sehr gute Busunternehmer in Deutschland. Aber mehr als 100 kommen da nicht zusammen.
Was ist Ihre größte Tugend?
Ich denke logisch.
Ihr größtes Laster?
Auch Logik. Denn die Logik unterdrückt die Emotion. Die Menschen sind aber leicht verletzbar und wollen auch gestreichelt und motiviert werden.“
Ihr Lieblingsfilm?
„Und ewig grüßt das Murmeltier“.
Ihr Lieblingsbuch?
Ich lese keine Bücher, ich höre sie. Zum Lesen müsste ich eine Brille tragen. Ich hasse Brillen. Momentan höre ich „Das Museum der Unschuld“ von Orhan Pamuk. Ein türkischer Schriftsteller, der 2006 den Nobelpreis erhielt. Eine Frau stirbt. Ihr Freund sammelt Gegenstände gemeinsamer Erinnerung. Eine wahre Geschichte. Das Museum wird im nächsten Jahr in Istanbul eröffnet.
Ihr Lieblingslied von den Beatles?
Yersterday.
Welches Ziel möchten Sie unbedingt noch erreichen?
„Du sollst immer besser sein, als du jetzt bist, denn es ist kein Verdienst, auf die Welt gekommen zu sein.“ Dieser Spruch hing über meinem Bett im Studentenzimmer in Karlsruhe. Mein Ziel ist geblieben: Besser werden, als ich jetzt bin.
(Notiert von Jürgen Weidlich)



