Sie sind hier: Busnetz.de > bus blickpunkt > Manager > alle Manager > 2010 Januar - Boris Palmer

7.2.2012 : 6:46 : +0100

Übersicht


2010 Januar - Boris Palmer

Oberbürgermeister von Tübingen

Seit Januar 1993 stellt der Bus Blickpunkt jeden Monat den "Manager des Monats" vor. Es sind Leute, die direkt oder indirekt mit der Busbranche in Verbindung stehen, mit Ideen und Innovationen Akzente setzen und dafür sorgen, dass das Image der Bustouristik steigt und die Zahl der Busreisenden immer größer wird. Der Manager des Monats Januar 2010, so die Wahl des Bus Blickpunkt, heißt Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen.

Boris Palmer
Boris Palmer

„Die Umweltzone wirbelt nur Luft auf.“ Mit diesen Worten verschaffte sich Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, Ende vergangenen Jahres in ganz Deutschland Gehör. Denn Boris Palmer ist nicht irgendein Oberbürgermeister. Er ist Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen und gilt seit seinem Amtsantritt Anfang 2007 als echter Vorzeige-Grüner. Über 50 Prozent hatten bei der Oberbürgermeisterwahl 2006 für den 37-jährigen Herausforderer gestimmt und diesem einen überwältigenden Wahlsieg beschert. „Wir sind in Tübingen Volkspartei“, war damals auch so ein Satz, mit dem Boris Palmer auf sich aufmerksam machte. Seit seinem Amtsantritt forciert der 37-Jährige zum Teil drastische Programme zur CO2-Senkung. Für Palmer ist das keine Frage der Ideologie, sondern eine Frage des Überlebens. Von Umweltzonen und Feinstaub-Plaketten hält der Klimaschützer indes so gut wie gar nichts: „Die Frage ist doch: Soll man nicht besser nur die Fahrzeugtechnik verbessern, dafür mehr Anreize schaffen, anstatt Fahrverbote für Innenstädte auszusprechen?“, fragt Boris Palmer und macht in Tübingen genau nach dieser Überlegung auch Politik. So hat die Stadt am Neckar die Umrüstung aller Stadtbusse mit Partikelfiltern schon längst abgeschlossen und die privaten Busunternehmer, die in Tübingen Linien bedienen, beim Kauf von Bussen mit Euro 5 und Euro 6 Motoren unterstützt. Der Erfolg, sagt Boris Palmer, sei messbar. „In der Mühlstraße, durch die täglich 2.000 Busse fahren, sind die Feinstaubwerte deutlich zurückgegangen.“ Im Kampf für ein besseres Klima scheut Boris Palmer auch nicht den Konflikt. Den Dienstwagen, der dem Chef im Rathaussessel standesgemäß zusteht, ließ er kurz nach Amtsantritt durch ein Hybrid-Auto ersetzen – sehr zum Verdruss des schwäbischen Herstellers der Dienstlimousine, denn der Hybrid kam aus japanischer Produktion. Im Mikrokosmos Schwabenland war das schon ein schwerer Affront, die Vorwürfe reichten bis zum Landesverrat. Doch in die Defensive bekommt man Boris Palmer nicht so leicht. Die Vorwürfe prallten an ihm ab, er ging in die Offensive. Schließlich sei er es, der einen patriotischen Akt vollzogen habe. Er habe nichts gegen deutsche Autos, ließ er seine Kritiker wissen, aber wenn die Autobauer im Musterländle es nicht fertig brächten, endlich Autos mit eingebautem Klimaschutz zu bauen, würden sie ihre und die Zukunft der Menschen im einst so prosperierenden Export-Ländle verspielen. „Wir bekommen in Baden-Württemberg das nächste Ruhrgebiet, wenn sich unsere Industrie nicht endlich ökologisch modernisiert“, ließ er Freund wie Feind wissen. Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet, auch weil Palmer den Japan-Hybrid wieder abgegeben hat. Jetzt fährt der Oberbürgermeister als Dienstfahrzeug ein so genanntes Pedelec, ein Fahrrad mit Elektro-Hilfsmotor, der sich nur dann zuschaltet, wenn der Fahrer auch in die Pedale tritt. Für diese moderne Variante mit Hilfsmotor habe er sich auch nur entschieden, um in amtlicher Mission nicht verschwitzt zu erscheinen, wenn es auf der Hinfahrt mal bergauf geht. Samstags ist der Stadtbus umsonst. Die Tübinger Kampagne zum Klimaschutz hat Boris Palmer unter das Motto „Tübingen macht blau“ gestellt. Ziel dieser Kampagne ist es, Tübingen zur Paradestadt in Sachen Klimaschutz zu machen. Die Stadt subventioniert dabei unter anderem Elektrofahrräder und neue Heizpumpen. Im September 2009 kam eine weitere Maßnahme hinzu, die – wie sollte es auch anders sein – erneut bundesweit für Aufsehen sorgt und von vielen Stadtverwaltungen mit großem Interesse verfolgt wird: der kostenlose Busverkehr an Samstagen. In der Weihnachtszeit wurde dieses Projekt unter Hochbetrieb erprobt. „Wenn öffentliche Nahverkehrsmittel ohne Fahrschein benutzt werden können, steigen mehr ein“, lautet die einfache Rechnung des Oberbürgermeisters. Der subventionierte Nulltarif für die Fahrgäste rechne sich für die hoch verschuldete Stadt vielleicht nicht unmittelbar, aber auf lange Sicht gewiss, zeigt Palmer auf: Knapp 4.000 Euro nehmen die Tübinger Verkehrsbetriebe an einem normalen Samstag durch Einzelfahrscheine gewöhnlich ein. Das sei bei einem Jahresumsatz von zehn Millionen Euro eine „überschaubare Summe“. Im Gegenzug indes spare der Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn der Allgemeinheit nicht berechenbare Kosten für Gesundheitsschäden, Unfallfolgen, Staus und Straßenbau. Das Projekt dient aber auch der Werbung für den ÖPNV ganz allgemein. Palmer weiß: „Es gibt Viel- und Niefahrer. Den Niefahrern ist der Preis von vier Euro für eine Hin- und Rückfahrt mit Einzelfahrschein zu hoch.“ Durch den samstäglichen Nulltarif will Palmer diese Niefahrer zum Umsteigen bewegen und auf diesem Wege vielleicht zum Dauerkunden machen. Dadurch könnte sich der Nulltarif an Samstagen quasi selbst finanzieren: durch mehr Fahrgäste, die wiederum für mehr Umsatz in den Geschäften der Innenstadt sorgen. Auch das mache sich in der Stadtkasse am Ende bemerkbar. Der kostenlose ÖPNV-Samstag ist in das Modellprojekt „Stadtverkehr 2030“ des Umweltbundesamtes eingebettet. Ziel dieses Projektes ist die Senkung des Schadstoffausstoßes im Stadtverkehr um 50 Prozent bis zum Jahr 2030. Ausgewertet werden soll der Pilotversuch Anfang 2010. Das Projekt sorgt allein schon deshalb für bundesweite Aufmerksamkeit in Rathäusern wie Verkehrsbetrieben, weil Verkehrswissenschaftler schon seit Jahren über den Nulltarif nachdenken. Ernsthaft eingeführt wurde er bis jetzt noch nie, deshalb steht Tübingen einmal mehr im Fokus. Doch Boris Palmer denkt auch hier schon weiter, zum Beispiel an eine „Nahverkehrsabgabe“ für alle Einwohner Tübingens, ob sie nun Bus oder Auto fahren. Dafür bräuchte Palmer aber ein Landesgesetz.