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2009 Dezember - Gerritje Deterding
Erfand die Hurentour auf St. Pauli
Seit Januar 1993 stellt der Bus Blickpunkt jeden Monat den "Manager des Monats" vor. Es sind Leute, die direkt oder indirekt mit der Busbranche in Verbindung stehen, mit Ideen und Innovationen Akzente setzen und dafür sorgen, dass das Image der Bustouristik steigt und die Zahl der Busreisenden immer größer wird. Der Manager des Monats Dezember 2009, so die Wahl des Bus Blickpunkt, heißt Gerritje Deterding, die die Hurentour auf St. Pauli erfand.

- Gerritje Deterding (mitte)
„Komm doch, liebe Kleine, sei die Meine, sag nicht nein...“, seit Hans Albers mit diesem Lied auf den Lippen über die Reeperbahn bummelte, hat sich viel geändert. Um die Gunst der vielen Kleinen, die heute am Hans-Albers-Platz in Plüschjacke oder Pullover und hautengen Jeans stehen, muss niemand buhlen. Die Anfragen laufen eher andersrum: „Kommste mal mit? Wie wär´s mit uns Zweien?“. Bei 30 Euro beginnt das Verkaufsgespräch, natürlich ohne Extras. Wer mehr will, landet schnell bei 150 bis 200 Euro für ein bis zwei Stunden. Und für den verwöhnten Gast hält die Herbertstraße – „Weil der Herbert dort hingeht“, sagt Tourguide Jenny – so manches Highlight bereit. Jenny erzählt, wie sie schon einmal bei einer Hurentour mit einer Besuchergruppe einer Domina begegnete. Die Lack-und Leder-Lady führte gerade ihr Hündchen aus. Dies allerdings war kein gewöhnliches Hündchen, sondern ein Herr an einer Hundeleine mit Lederhose und Gesichtsmaske. Gewiss der teuerste Spaziergang von Hamburg, scherzt Jenny, um dann noch etwas tiefer in den SM-Bereich einzusteigen: „Auch das Peitschen will gelernt sein...“
Na, neugierig geworden? Die historische Hurentour auf St. Pauli, von der hier die Rede ist, gilt derzeit als der am besten besuchte Stadtrundgang Deutschlands. Er beginnt jeweils donnerstags, freitags und samstags zwischen 18.00 und 20.00 Uhr vor der Davidwache auf der Reeperbahn. Anmeldungen (www.hurentour.de) sind unbedingt erforderlich. Denn dieser Kundendienst für Neugierige, 25 Euro pro Person in der Gruppe, ist fast immer ausgebucht. Seit nunmehr fünf Jahren hat Gerritje Deterding, Hamburgerin mit holländischen Wurzeln, Erfolg mit dieser Nummer. Das ist kein Wunder, denn, wer will nicht genauer wissen, was auf der Reeperbahn nachts um halb eins so alles los ist. Gerritje Deterding hat dafür ein Team gut ausgebildeter Stadtführerinnen um sich gruppiert, die sich alles über Sex, aber auch alles, nur angelesen haben. Von der Tempelprostitution im alten Babylon bis zu den sexistischen Ausschweifungen unterm Heiligen Stuhl, auch Tabus bei Sexpraktiken, -kleidung und -gegenständen werden verraten. Da die Führungen in der Regel in der Dunkelheit beginnen, darf man beim Zuhören auch mal rot werden. Der Ruch des Lasterhaften liegt noch immer über der Reeperbahn wie kalter Rauch über verbrannter Erde. Es gibt eine Hemmschwelle, das verbotene Terrain zu betreten. Und hier streckt die Historische Hurentour ihre helfende Hand aus. Führt hinüber ins Reich der Sünde: Nur gucken, nicht anfassen! Die sachkundigen Führerinnen ähneln in ihren historischen Gewändern ohnehin eher Azubis der Heilsarmee als Huren. Das Verwerfliche dieser Ganzkörpertextilien war damals allein schon die Tatsache, dass der Rock nicht bis zum Boden ging, sondern den Blick auf die Knöchel der Damen freigab.
Von den Führerinnen der „Historischen Hurentour“ begleitet, kann man sich im Rotlichtmilieu absolut sicher fühlen. Zumal Gerritje Deterding und ihre als Huren verkleideten Tourguides vom Kiez und den Kiezgrößen akzeptiert werden. Wecken sie doch Interesse für das älteste Gewerbe der Welt. Und so manch einer, der per Historischer Hurentour hier Neuland schnupperte, soll in stockfinstrer Nacht wiedergekommen sein. Zur Freude der echten Huren, die nur eines nicht wollen: fotografiert werden, auch nicht durch das sichernde Glas eines Reisebusses. Das könnte Ärger geben.
Gerritje Deterding, die Chefin der Historischen Hurentour, leitet seit vielen Jahren eine Agentur für Stadtführungen in Hamburg und bildet selbst Stadtführerinnen aus. Auf die Idee mit der Hurentour kam sie 2004 bei einem Besuch in London. „Auf den Spuren von Jack the Ripper“ wandelte sie mit ihrem Mann – übrigens ein Linienbusfahrer bei der Hamburger Hochbahn – bei einer Stadtführung an der Themse entlang. Das gefiel den beiden sehr gut. Wieder daheim, hatte sie ein Unfall. Ein Hund rannte sie auf der Straße um. „Wenn man dann so untätig ans Bett gefesselt ist, kommt man auf die ausgefallensten Gedanken. Mir ging die Jack-the-Ripper-Tour nicht aus dem Sinn und so fand ich mit der Hurentour das Hamburger Pendant“, so Gerritje Deterding.
Während wir durch den Kiez bummeln, wird es tatsächlich langsam nachts um halb eins. Wir besuchen Chantal und Justine. Die beiden Damen nicht persönlich, sondern nur ihre Arbeitszimmer, die hier Steige heißen. Erfahren noch so einiges über Dildos, Thai-Bordell und Travestie. „Um diese Zeit dürfen wir eigentlich gar nicht mehr führen. Da stören wir das Milieu. Es ist unsere erste Mitternachtsführung, die wir ausnahmsweise für Busunternehmer machen“, sagt Gerritje Deterding. Die Wächter im Kiez, die Zuhälter und ihre Damen hätten ihre Zustimmung gegeben. Na bitte, mehr kann man doch von einer Bus-Blickpunkt-Leserreise nach Hamburg wirklich nicht erwarten. Auf dem Weg zurück zum Bus in stockfinstrer Nacht beenden wir unseren Reeperbahnbummel. Vorbei an Dollhouse, Laufhaus, Ritze und den einigen Table-Dance-Lokalen. Die Türsteher sind noch immer auf Kundenfang, ihre Lockrufe nicht ohne Humor: „Heute Familienvorstellung!“
