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2008 Mai - Siegfried Neumann
Siegfried Neumann - Die Traukirche Bachs und ihr PR-Chef
Seit Januar 1993 stellt der Bus Blickpunkt jeden Monat den "Manager des Monats" vor. Es sind Leute, die direkt oder indirekt mit der Busbranche in Verbindung stehen, mit Ideen und Innovationen Akzente setzen und dafür sorgen, dass das Image der Bustouristik steigt und die Zahl der Busreisenden immer größer wird. Der Manager des Monats Mai 2008, so die Wahl des Bus Blickpunkt, heißt Siegfried Neumann, Frontmann des Freundeskreises zur Erhaltung der Traukirche von Bach.

- Siegfried Neumann
Das Städtchen Dornheim liegt in Thüringen. Nicht weit vom Erfurter Kreuz an der Autobahn A 4, Richtung Arnstadt. Hier führt weder der Rennsteig vorbei noch haben die Thüringer Bratwürste aus Dornheim Spuren im Geschichtsbuch hinterlassen. Und doch hat sich Dornheim im letzten Jahrzehnt zu einem Pilgerort für Touristen entwickelt.
Wenn die drei Glocken der kleinen, aber feinen Bartholomäus-Kirche läuten, dann ist nicht nur die Zeit zu hören, dann weht auch ein Hauch Historie durch den Ort. Denn der Klang dieser drei Glocken drang vor 300 Jahren auch an das Ohr des Musikgenies Johann Sebastian Bach. Zur Kirche in Dornheim hatte er eine ganz besondere Beziehung. Er war mit dem Pfarrer gut befreundet. So kam es, dass der Ort und sein Gotteshaus am 17. Oktober 1707 Schauplatz einer außergewöhnlichen Hochzeit wurden: Johann Sebastian Bach, der ehemalige Organist des nahen Arnstadt, heiratete seine Cousine 2. Grades.
Obrigkeitsdenken war Bachs Sache nicht
Bach war damals 22 Jahre alt und ein ziemlicher Rebell. Er wusste, was er kann, trug das auch zur Schau. Obrigkeitsdenken war seine Sache nicht, wohl eher übte er sich in Ehrfurchtsverweigerung. Als 18jähriger hatte er mit seinem Orgelspiel in Arnstadt überzeugt und die Organistenstelle erhalten. Doch den Arnstädtern missfiel, dass er auch recht eigenwillige Töne ins Orgelspiel einbrachte, seine spätere – ortsfremde – Ehefrau in seinem Kirchenchor mitsingen ließ und seine Studienreisen zu Organisten wie Buxtehude in Lübeck nach Gutdünken verlängerte. Auch, dass seine Hochzeit schließlich nicht in Arnstadt oder im berühmten Mühlhausen stattfand, dürfte der Obrigkeit kaum gefallen haben. Auf dem Arnstädter Marktplatz steht heute eine bemerkenswerte Plastik des jungen Bach. Sie zeigt ihn in provokativer Haltung: offen, redselig, gestikulierend, fast ein wenig aggressiv. Aus heutiger Sicht: Ein klarer Anwärter für die Seite 1 der Boulevardpresse!
Nur vier Monate vor seiner Trauung 1707 in Dornheim hatte Johann Sebastian Bach Arnstadt verlassen und die Stelle des Organisten in der Kirche St. Blasii in Mühlhausen in Thüringen angenommen. Seine „Sturm- und Drangperiode“ ging zu Ende. Er hatte sich einen Namen gemacht. Bachs Forderung bei seinem Amtsantritt in Mühlhausen, die gleiche Summe sowie das Deputat wie seines Vorgängers zu erhalten, wurde nicht nur sofort erfüllt, er erhielt sogar 19 Gulden mehr. Auch das Fuhrwerk für den Umzug wurde gestellt. Solche und ähnliche Geschichten um den berühmten Bach erzählt Siegried Neumann nicht nur gern, sondern auch mit Liebe. Siegfried Neumann ist Vorsitzender des Freundeskreises zur Erhaltung der Traukirche von Johann Sebastian Bach und Ehrenbürger der Gemeinde Dornheim in Thüringen. Mit seiner unnachgiebigen Leidenschaft hat er, bildlich gesprochen, das ganze Dorf angezündet und die Bachkirche in einen tadellosen Zustand versetzt.
28.000 Besucher kommen pro Jahr hierher. Immer stärker mischt sich fernöstliches Sprachgewirr in den Besuchertross. Japaner fliegen ein, um sich trauen zu lassen. Die Kirche ist auch zu einem Kleinod für Reisgruppen geworden. Viele Busse parken vor der Eingangspforte.
Siegfried Neumann führt sie alle durch das Anwesen mit Kirche, Innenhof und Nebengebäuden. Er tut das so innig, als wolle er sein eigenes Wohnzimmer präsentieren. In einer kleinen Schankstube gibt es Kaffee, Tee oder, je nach Jahreszeit, Glühwein. Ein idealer Raum für Reisegruppen. Der Vortrag in der Traukirche dauert stets etwas länger als geplant und findet meist erst sein Ende, wenn die Küchenfee hereinkommt: „Der Kaffee ist fertig.“ Dabei war es um die Traukirche Bachs nicht immer zum Besten bestellt. 1985 wurde das gesamte Gebäude wegen Einsturzgefahr gesperrt. 1996 gründete Siegfried Neumann dann einen Freundeskreis mit dem Ziel, die Traukirche vor dem Zusammenbruch zu retten. Über vier Jahre arbeiteten sie an der Kirche, deckten das Dach neu, verlegten einen Fußboden, verputzten das Kircheninnere und erschlossen die ehemalige Sakristei. Der Altar wurde restauriert, wozu auch die außergewöhnliche Figur des Christus in griechischer Kleidung gehört. Sogar, und darauf ist Siegfried Neumann stolz wie Bach auf seine Kantaten, eine Heizung für die Sitzbänke konnte installiert werden. Heute ziert auch eine Bach-Büste den Innenhof des kleinen Gebäudekomplexes.
Der finanziell enorme Aufwand zur Rettung der Kirche wurde fast ausschließlich mit privaten Spenden gedeckt. Selbst der Denkmalschutzpreis aus dem Jahr 2000 wurde sofort wieder investiert. Die Kirche, so Siegfried Neumann, hat auch die Menschen im Ort zueinander geführt und Dornheim geöffnet. Denn zum Freundkreis zur Erhaltung der Traukirche gehören auch Schweizer, Amerikaner, Holländer und viele Japaner. Nicht selten ist die Mitgliedschaft mit einer Hochzeit in Dornheim verbunden.
Bachs Hochzeitsgäste liefen über Stoppelfelder
Ob die Hochzeitsgäste es jedoch mit Bach halten und für die Anreise den Fußweg über die Stoppelfelder von Arnstadt nach Dornheim wählen, ist jedem selbst überlassen. Überliefert aus Bachs-Zeiten ist auch, dass seine Hochzeitsgesellschaft sich auf diesem Weg an den Händen fasste und lustige Lieder sang. Zwei Geiger und zwei Chöre waren bei den Feierlichkeiten auch dabei.
