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2008 Februar - Ottmar Steiner
Ottmar Steiner - Fährt den Bus bei der Straße der Lieder:
Klappe. Aufnahme, die dritte. Kamera ab. Der Bus rollt an, nimmt Fahrt auf. An Bord singen die Fischer-Chöre: "Die Straße der Lieder macht fröhlich und frei. Sie führt auch an Deinem Zuhause vorbei ..." Die Straße der Lieder, über die der Bus leichtfüßig gleitet, liegt im Sonnenschein. Da tritt plötzlich ein Mann hinter einem Baum hervor und signalisiert mit gehobenem Daumen: Ich will mit! Doch Busfahrer Ottmar Steiner reagiert nicht, lässt den alten Grauschopf einfach stehen. Wäre ja noch schöner, wenn jeder...
Die Fischer-Chöre im Inneren biegen sich bei dieser Szene vor Lachen. Denn, der, der da stehen blieb, war ihr Chef: Gotthilf Fischer. Doch der Chauffeur Ottmar Steiner wusste nicht, wer der ungebetene Wegelagerer war. Es war sein erster Einsatz im Jahr 2000 bei der Straße der Lieder und der Regisseur hatte wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass man den Gotthilf nicht so einfach stehen lässt...
Solche oder ähnliche Geschichten werden auch in der letzten Sendung am 16. Februar um 20.15 Uhr in der ARD zuhauf erzählt. Zum Beispiel die, wie Kurt Felix den Chordirigenten Gotthilf Fischer mit der englischen Königin in der Schleyer-Halle in Stuttgart überraschte. Unvergessen auch: Gotthilf Fischer wurde von der versteckten Kamera beobachtet als man ihn wie einen Barlach-Engel an einem Kran-Haken hängen ließ und zum Feierabend einfach vergaß. Der Herr der Chöre blieb zur Überraschung des Fernsehteams und später der Zuschauer ruhig wie eine Schildkröte im Winterschlaf und bestellte sich in luftiger Höh´ noch einen Trollinger.
1994 hatte Gotthilf Fischer die Idee zur Straße der Lieder. Nicht selten als Geheimwaffe gegen den Dino "Wetten dass..." eingesetzt, brachten es die Volksmusikanten immerhin auf respektable vier Millionen Zuschauer pro Sendung. "Der Bus war der absolute Star der Sendung. An der Straße haben die Leute gewunken. Wo immer wir hinkamen, hieß es, Ach, ihr macht die Sendung mit dem Bus", sagt Gotthilf Fischer im Bus-Blickpunkt-Gespräch und fügt hinzu: "Der Bus ist ein Schmuckstück. Der Ottmar pflegt ihn wie ein Gärtner seine schönste Rose." Ottmar Steiner, inzwischen längst so etwas wie ein Ehrenmitglied der Fischer-Chöre, bestätigt: "Wenn der Bus nicht sauber ist, packt der Kameramann erst gar nicht sein Stativ aus."
Seit dem Jahr 2000 begleiten Ottmar Steiner und sein Setra mit elf Sitzreihen ( Setra S 11) die Straße der Lieder. Aus 17 Drehtagen am Stück werden eineinhalb Stunden Sendung. Gedreht wird in den schönsten Landschaften Deutschlands, Österreichs oder der Schweiz. Danach rollt der Bus wieder zurück ins Setra-Domizil nach Ulm. Hier ist Ottmar Steiner Herr über einen Fuhrpark von insgesamt 15 Oldtimern. Der Straße-der-Lieder-Bus gehörte übrigens in seiner aktiven Zeit zum Fuhrpark von Busunternehmer Friedel Rau in Aalen. Für die 37. und letzte Sendung im Februar haben sich die Ulmer Sponsoren übrigens etwas ganz besonderes ausgedacht. Eine Sitzecke in rotem Samt wurde im Fond des Wagens eingebaut. Als Tisch dient ein knallroter Miniaturflügel. "Schade, dass uns das erst in der letzten Sendung eingefallen ist", schwärmt der Regisseur der Sendung und gibt dann Anweisung für den nächsten Dreh: Lothar Späth, Landsmann und bekennender Fan der Fischer-Chöre, wird seinem Freund Gotthilf beim Gespräch im Bus zum 80. Geburtstag (11. Februar) gratulieren und sagen, warum er Deutschlands berühmtesten Chorleiter so schätzt: "Gotthilf Fischer hat mit seiner Musik das ganze Land angezündet. Der kam so fröhlich, leicht und aufmunternd daher, dass jeder glaubte: So kann ich auch singen. Selbst mir ging es so, obwohl sich meine Zensur im Fach Musik eher im unteren Bereich der Notenskala in der Schule bewegte." Natürlich, antwortet Lothar Späth auf die Frage der charmanten Moderatorin Eva Lind, beneide ein Politiker einen Mann wie Gotthilf Fischer um volle Säle. Doch das wichtigste sei, dass der Gemeinschaftssinn mit jedem gemeinsam gesungenen Lied wachse: "Man geht zusammen mit dem Bus auf Reise. Die Kinder kommen mit. Aus Arbeitskollegen werden Freunde. Man hilft sich." Und Gotthilf Fischer ergänzt: "In den Anfangsjahren war ich sehr stolz auf volle Säle und Hallen. Heute weiß ich, dass anderes noch wichtiger ist: Menschen, denen es schlecht geht, die keinen Lebensmut mehr haben, Freude zu bringen. Wer singt, sieht gleich ein paar Jahre jünger aus."
Gotthilf Fischers Mammutchöre wurden weltweit ein Begriff, nachdem er 1974 auf der Abschlussveranstaltung der Fußballweltmeisterschaft in München 15.000 Sängerinnen und Sänger im Stadion dirigiert hatte. Er wurde von Jimmy Carter zur Friedensmesse eingeladen und schrieb ein Hochzeitslied für Königin Silvia. Mit der Sopranistin Eva Lind hat er sich eine der schönsten Stimmen der Gegenwart in die Sendung geholt. 1983 gewann Eva Lind den österreichischen "Jugend musiziert"-Wettbewerb, sang die Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte, nahm Platten mit Peter Schreier und Kurt Masur auf.
Zur Abschiedstour im Februar startet der Oldtimerbus mit Eva Lind und Gotthilf Fischer zu einer Reise rund um den Bodensee. Unterwegs steigen neben Lothar Späth noch weitere prominente Zeitgenossen ein: Paola und Kurt Felix, die Geschwister Hofmann, Rosi Mittermeier und Christian Neureuther. Ottmar Steiner wird bei dieser letzten Tour natürlich auch eine Träne auf Reisen schicken. Die Volksmusik ist seine Welt. Und Kollegen aus seiner Montagehalle in Ulm wissen zu berichten: Wann immer der Ottmar an seinen Oldtimern schraubt, laufen im Hintergrund Heimatmelodien auf SWR 4.
Gotthilf Fischer hat indes schon neue Pläne. Kurz vor seinem 80. Geburtsag hat er einen Vertrag mit zwanzigjähriger Laufzeit für Chorveranstaltungen in Jena unterschrieben. "Meine einzige Bedingung war," so fügt er hinzu, "dass der Vertrag eine Verlängerungsklausel enthält." Dem Anliegen des Maestros wurde entsprochen. (jw)

